Dabei sein im Arbeitsleben - Chancen für alle! Der Podcast von dabei-austria.

„Jemand, der an einen glaubt" – Andrea Stoick und Maria Strobl über Fähigkeiten, Übergänge und berufliche Inklusion.

Episode Summary

Der dabei-austria Vorstand ist gewachsen: Seit dem Frühjahr 2026 verstärken Andrea Stoick, Geschäftsführerin der Psychosozialen Zentren GmbH, kurz PSZ und Maria Strobl, Leiterin des Bereichs „Inklusive Bildung – Berufliche Inklusion“ bei der Caritas das Vorstandsteam. In dieser Podcastfolge erzählen sie, welche Schwerpunkte sie einbringen wollen.

Episode Notes

Der dabei-austria Vorstand ist gewachsen: Seit dem Frühjahr 2026 verstärken Andrea Stoick und Maria Strobl das Vorstandsteam. Andrea Stoick ist Geschäftsführerin der Psychosozialen Zentren GmbH, kurz PSZ. Sie ist für den Fachbereich Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen zuständig und sagt: "Wichtig ist zu sehen, dass eine Erkrankung nicht das Einzige ist, das einen Menschen definiert und auch nicht seine Leistungs- und Arbeitsfähigkeit an sich definiert, so wie bei anderen Behinderungsarten auch. Menschen mit einer psychischen Erkrankung brauchen andere Rahmenbedingungen als Menschen, die das nicht haben, ähnlich wie bei einer körperlichen Behinderung. Das sind Menschen mit Fähigkeiten, mit Ausbildungen mit Können, die einfach andere Rahmenbedingungen brauchen. Diesen Menschen muss aber auch die Sicherheit gegeben werden, ich kann etwas, ich schaffe etwas. Das finde ich essenziell." 

Maria Strobl ist Bereichsleiterin „Inklusive Bildung – Berufliche Inklusion“ bei der Caritas und sagt: "Wir begegnen sehr viel Überforderung. Was wir jetzt erleben, ist, dass sich Jugendliche stark zurückziehen, aber nicht, weil sie faul sind oder nichts machen wollen, sondern weil sie wirklich eine Überforderung spüren. Und deswegen ist es so wichtig, dass man in der Schule schon einen guten Zugang zu den jungen Menschen findet. Das Wichtigste auf diesem Weg hinein ins Erwachsenenleben ist, dass man jemanden hat, der an einen glaubt und der einen unterstützt. Und diese Person, die kann in der Familie, im Umfeld liegen, das ist aber nicht immer der Fall. Diese Rolle können viele Personen übernehmen. Aber es braucht zumindest einen, der an einen glaubt, damit man sich nicht im System verliert." 

Im Gespräch geht es um ihre eigenen Berufswege, um die Hürden am Übergang von Schule zu Beruf und über die Bereitschaft passende Rahmenbedingungen zu schaffen. 

Mehr Infos

 Psychosoziale Zentren gGmbH: Start 

Inklusive Bildung Berufliche Inklusion : Caritas Wien 

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dabei-austria – Dachverband berufliche Inklusion - Austria 

Episode Transcription

Herzlich Willkommen, sagt Sandra Knopp. Der dabei-austria Vorstand ist gewachsen: Seit dem Frühjahr 2026 verstärken Andrea Stoick und Maria Strobl das Vorstandsteam.

Teaser1: Wichtig ist zu sehen, dass eine Erkrankung nicht das Einzige ist, das einen Menschen definiert und auch nicht seine Leistungs- und Arbeitsfähigkeit an sich definiert, so wie bei anderen Behinderungsarten auch. Menschen mit einer psychischen Erkrankung brauchen andere Rahmenbedingungen als Menschen, die das nicht haben, ähnlich wie bei einer körperlichen Behinderung. Das sind Menschen mit Fähigkeiten, mit Ausbildungen mit Können, die einfach andere Rahmenbedingungen brauchen. Diesen Menschen muss aber auch die Sicherheit gegeben werden, ich kann etwas, ich schaffe etwas. Das finde ich essenziell.

Andrea Stoick ist Geschäftsführerin der Psychosozialen Zentren GmbH, kurz PSZ. Sie ist für den Fachbereich Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen zuständig.  Und Maria Strobl ist Bereichsleiterin „Inklusive Bildung – Berufliche Inklusion“ bei der Caritas.

 

[Teaser2] Wir begegnen sehr viel Überforderung. Was wir jetzt erleben, ist, dass sich Jugendliche stark zurückziehen, aber nicht, weil sie faul sind oder nichts machen wollen, sondern weil sie wirklich eine Überforderung spüren. Und deswegen ist es so wichtig, dass man in der Schule schon einen guten Zugang zu den jungen Menschen findet. Das Wichtigste auf diesem Weg hinein ins Erwachsenenleben ist, dass man jemanden hat, der an einen glaubt und der einen unterstützt. Und diese Person, die kann in der Familie, im Umfeld liegen, das ist aber nicht immer der Fall. Diese Rolle können viele Personen übernehmen. Aber es braucht zumindest einen, der an einen glaubt, damit man sich nicht im System verliert.

 

Für die Aufnahme dieser Podcastfolge haben wir uns in der PSZ-Zentrale in Stockerau getroffen. Bei viel Obst – angerichtet auf einer Etagere – und kühlem Wasser sprechen wir an einem heißen Sommertag über Hürden am Übergang von Schule in Beruf, welche Unterstützungsangebote es braucht und wie sich berufliche Inklusion in der Stadt und am Land unterscheidet. Außerdem geht es darum, wie junge Menschen ohne Job und Ausbildung neue Perspektiven gewinnen können. Zu Beginn des Gesprächs habe ich meinen Gästen einige Fragen zu ihrem Berufsweg gestellt.

 

Sandra Knopp: Was war eigentlich Ihr erster Berufswunsch als Kind, Frau Strobl?

 

Maria Strobl: Ich hatte tatsächlich keinen konkreten Berufswunsch. Ich habe mich immer für sehr viele Dinge interessiert, habe aber die Freundinnen und Freunde beneidet, die genau wussten, was sie tun wollen. Das wusste ich nicht. Ich wusste nur, ich möchte mit Menschen zu tun haben und habe deswegen im Tourismus gestartet ursprünglich.

 

Sandra Knopp: Und Sie, Frau Stoick?

 

Andrea Stoick: Mein erster Berufswunsch war Archäologie zu studieren und irgendwo in Griechenland oder Ägypten Ruinen auszugraben.

 

Sandra Knopp: Und wie weit sind Sie gekommen?

 

Andrea Stoick: Bis zu einer Lehrausgrabung einen Sommer im Waldviertel und dann wusste ich, das ist nicht meins.

 

Sandra Knopp: Okay, und wenn wir heute dann über Schule/Übergang/Beruf sprechen, wie war denn die Schule für Sie?

 

Maria Strobl: Für mich war es in erster Linie ein Ort, wo ich Freunde treffen kann und soziale Begegnungen habe.

 

Andrea Stoick: Ein Ort des Wissens, des Lernens, meine Neugier befriedigend. Das hat mir immer sehr viel Spaß gemacht.

 

Sandra Knopp: Und gab es ein Schulfach, wo sie sagen, das bringt mir heute noch was, und eins, wo sie sagen, boah, ich bin froh, dass ich das nicht mehr habe.

 

Maria Strobl: Ich würde es nicht an Inhalten festmachen, sondern tatsächlich an den Lehrpersonen. Da ist mir meine Deutschlehrerin sehr, sehr positiv in Erinnerung, weil die uns sehr frei unterrichtet hat. Wir haben alle Inhalte bearbeitet, die zu bearbeiten waren, aber sie war neugierig auf das, was uns interessiert und hat uns animiert, uns in alle Richtungen zu informieren.

 

Sandra Knopp: Und bei Ihnen?

 

Andrea Stoick: Ich kann das nur bestätigen, dass es sehr abhängig war von den Lehrpersonen und wenn die Lehrperson neugierig gemacht hat, ein freies Arbeiten zugelassen hat, hat mir das immer viel Spaß gemacht. Dann habe ich auch gern gelernt und habe dieselben Fächer je nach Wechsel zur Lehrperson mehr oder weniger gewollt.

 

Sandra Knopp: Bei mir wäre es klassisch gewesen, Sprachen versus Mathematik, definitiv Sprachen.

 

Andrea Stoick: Mathematik war eines meiner Lieblingsfächer. Ich war gar nicht so sehr auf Sprachen, obwohl ich gerne spreche und schreibe, aber Mathematik habe ich immer sehr faszinierend gefunden.

 

Maria Strobl: Bei mir ist es umgekehrt, da waren es ganz eindeutig die Sprachen. Ich habe auch Sprachen studiert an der Romanistik. Also ganz klare Antwort, Sprachen vor Mathematik.

 

Sandra Knopp: Gab es so einen Moment, wo sie wussten, ich möchte Menschen helfen, einen Job zu finden, der zu ihnen passt, oder wie kam es dazu, dass sie das machen, was sie machen?

 

Andrea Stoick: Ich war jahrelang in der Privatwirtschaft und habe dort erlebt, wie schwierig es ist, für manche Menschen in beruflichen Kontexten leistungsfähig zu bleiben. Ich habe nach einem Ausbildungs-Zwischenstopp bewusst ungesattelt in die Berufsintegration, zuerst im AMS-Kontext, um Menschen wieder zu helfen, in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Das habe ich nie bereut und bin geblieben, wobei natürlich mein Tätigkeitsfeld sich nicht nur auf die berufliche Inklusion bezieht.


 

 

 

Maria Strobl: Ja, ich habe vor mittlerweile fast 20 Jahren als Quereinsteigerin begonnen zu unterrichten. Ich war davor in der Tourismuswirtschaft tätig, habe dann zu unterrichten begonnen und gemerkt, das ist eine Altersgruppe, mit der ich sehr gerne arbeite. Ich habe an einer berufsbildenden, höheren Schule unterrichtet und habe aber auch gemerkt im Schulsystem bewegt sich sehr, sehr wenig und habe mich deswegen entschieden zu wechseln und bin zur Caritas gegangen. Mir war es wichtig, im Jugendbereich tätig zu sein, ursprünglich war ich im Bereich „Hilfe in Not“, in der Flüchtlingsarbeit für Jugendliche, dann im Bildungszentrum und dann war klar, der Weg geht in Richtung berufliche Inklusion.

 

Sandra Knopp: Ich schätze viel am Übergang, hat auch was mit Stress und Druck zu tun. Wie gehen Sie mit Stress und Druck um oder wie erleben Sie das? Was haben Sie für Strategien gefunden?

 

Andrea Stoick: Dadurch, dass ich meine Arbeit sehr gerne mache, kann ich auch schwierige Situationen über einen längeren Zeitraum gut aushalten. Aber der Ausgleich ist natürlich wichtig. Natur, Wasser, Reisen, Menschen, einfach mal die Seele baumeln lassen, ist für mich eine große Kraftquelle. Ich habe einen Garten, den ich sehr liebe, und unter Bäumen sitzen, das ist sehr entspannend. Aber vor allem Freude an dem, was ich tue. Es ist sinnstiftend und das gibt viel Kraft, finde ich!

 

Maria Strobl: Ja, da kann ich mich in weiten Teilen anschließen. Ich kann grundsätzlich mit Druck gut umgehen, ihn lange aushalten. Das hat mir in der Schule schon sehr gut geholfen. Ich war eine, die am letzten Drücker gelernt hat. Das konnte ich gut, schnell viele Inhalte erfassen und wiedergeben. Jetzt im Berufsleben ist es auf jeden Fall ein Priorisieren, ein Zwischendurch durchatmen. Auch das Wissen, dass vieles im Team deutlich leichter geht, dass man selten alleine ist in Drucksituationen und sonst der Ausgleich in der Natur, auch bei mir sind die Berge ganz groß.

 

ZUM GESPRÄCH

 

Sandra Knopp: Schön, da haben wir schon Gemeinsamkeiten. Wir werden sicher weitere finden. Frau Stoick, Sie vertreten ja im Vorstand jetzt die Interessen von Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Wen umfasst denn diese Gruppe überhaupt? Vielleicht gibt es da Gruppen, an die man vielleicht gar nicht denkt.

 

Andrea Stoick: Es umfasst alle Gruppen, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, ältere Menschen, also in jeder Altersgruppe, jeden Geschlechtes und Menschen, die im Berufsleben sind, Menschen, die nicht im Berufsleben  sind -  das ist sehr breit und mir ist auch wichtig, nicht nur von Behinderung, sondern von Beeinträchtigung allgemein zu sprechen, weil eine psychische Erkrankung kann verschiedene Phasen haben, kann mehr oder weniger beeinträchtigend sein, aber ist sehr oft lebenslang und muss lebenslang unterstützt und begleitet werden.

 

Sandra Knopp: Und jetzt hört man, habe ich zumindest ein Gefühl, etwas mehr bei Menschen mit einer psychischen Erkrankung, würden Sie sagen, es wird heute offener darüber gesprochen als früher?


 

 

Andrea Stoick: Definitiv. Es ist bis zu einem gewissen Grad auch trendy, das Thema anzusprechen, was nicht unbedingt heißt, dass das Wissen größer geworden ist. Aber man kann offener darüber sprechen, definitiv. Da hat gerade die Corona-Zeit viel dazu beigetragen. Weltweit gibt es einen nachvollziehbaren Anstieg an psychischen Erkrankungen. Aber es ist zunehmend ein großes Thema, das viele Menschen, die im Krankenstand sind, viele Menschen im Berufsleben von psychischen Erkrankungen betroffen sind und es ist definitiv nach wie vor schwierig darüber zu reden im beruflichen Kontext.

 

Sandra Knopp: Genau, also die Tabus gibt es weiterhin, vor allem, ich habe das glaube ich damals gehört, wie ich das letzte Mal beim PSZ war, dass das zum Beispiel Menschen, die eine Schizophrenieerkrankung haben so ist. Es gibt noch tabuisierte Erkrankungen, vielleicht manche als andere, oder?

 

Andrea Stoick: Das ist korrekt. Ich denke, alles, was so im weiten Feld depressive Erkrankungen, Angststörungen, dass man damit schon mehr gelernt hat, umzugehen, auch in der Öffentlichkeit oder im beruflichen Setting. Aber eine Schizophrenieerkrankung, eine Persönlichkeitsstörung, das sind schon Themen, die ganz schwierig zu thematisieren sind.

 

Sandra Knopp: Umso wichtiger darüber zu sprechen. Was ist Ihnen dabei wichtig?

 

Andrea Stoick: Wichtig ist zu sehen, dass eine Erkrankung nicht das Einzige ist, das einen Menschen definiert und auch nicht seine Leistungs- und Arbeitsfähigkeit an sich definiert, so wie bei anderen Behinderungsarten auch. Menschen mit einer psychischen Erkrankung brauchen andere Rahmenbedingungen als Menschen, die das nicht haben, ähnlich wie bei einer körperlichen Behinderung. Das sind Menschen mit Fähigkeiten, mit Ausbildungen mit Können, die einfach andere Rahmenbedingungen brauchen. Diesen Menschen muss aber auch die Sicherheit gegeben werden, ich kann etwas, ich schaffe etwas. Das finde ich essenziell.

 

Sandra Knopp: Was könnten solche Rahmenbedingungen sein, also was könnte helfen?

 

Andrea Stoick: Das hängt ja von der Erkrankung ab und von dem individuellen Krankheitsverlauf der jeweiligen Person, das kann sich verändern im Laufe der Erkrankung. Ich denke, da gibt es keine einzige Antwort. Das kann sein eine reizarme Umgebung. Das kann sein viel Homeoffice. Das kann sein der Wechsel zwischen weniger oder mehr Stunden. Das ist sehr vielfältig, aber man kann davon ausgehen, dass es immer wieder Anpassungen bedarf. Die eine Lösung für immer wird es nicht geben.

 

Sandra Knopp: Umso wichtiger, dass man sagen kann, was man benötigt oder was gut wäre, oder? Also dass das Gegenüber zuhört, dass man sagt, ich brauche das und wie können wir das gemeinsam lösen, oder?

 

Andrea Stoick: Ja, die Möglichkeit, offen zu reden, aber es ist im betrieblichen Kontext oft schwierig, sich flexibel anzupassen, neu zu denken und nicht zu erwarten, dass eine psychische Erkrankung irgendwann verschwindet. Das kann unter Umständen passieren, auch wirklich offen im Dialog zu bleiben. Auch für die Personen selber ist es wichtig zu erkennen, ich darf das und es ist so und ich kann trotzdem gut auf mich schauen und in meinem Rahmen agieren. Da braucht es noch einiges an Aufklärung, glaube ich.

 

Sandra Knopp: Frau Strobl, wie erleben Sie das? Also wie offen wird gesprochen über psychische Erkrankungen? Inwiefern ist das Thema in Ihrem Arbeitsbereich?

 

Maria Strobl: Wir merken es vor allem im Jugendcoaching, dass Jugendliche das sehr gerne ansprechen. Da stimme ich der Kollegin völlig zu. Das ist trendig geworden im Jugendbereich. Bei den erwachsenen Menschen, die wir begleiten, ist es nicht ganz so offen. Wir haben in unserem Kontext sehr oft Menschen in Begleitung, die eine psychische Erkrankung aufgrund von körperlichen Einschränkungen dazu bekommen haben. Das ist noch einmal komplexe, schwierige Situation, wenn viele Beeinträchtigungen nacheinander dazukommen und man das dann oft nicht noch dazulegen will, dass es mir jetzt auch psychisch noch schlecht geht, wenn ich diesen ganzen Prozess schon erlebt habe.

 

Sandra: Und inwiefern ist man im Austausch, untereinander vielleicht auch?

 

Maria Strobl: Die Kolleginnen und Kollegen sind im regelmäßigen Austausch. Es wird immer wieder abgeklärt, wer von uns ist zuständig, welche Beeinträchtigung überwiegt, begleitet die Arbeitsassistenz, die zuständig ist für kognitive und körperliche Beeinträchtigungen oder betrifft das die Arbeitsassistenz Psyche. Natürlich sind wir im Austausch.  Unsere Mitarbeiterinnen treffen einander bei Fortbildungen, bei Vernetzungstreffen. Auch die Projektleitungen sind im Austausch. Da gibt es eine rege Zusammenarbeit, würde ich meinen.

 

Sandra Knopp: Und jetzt sind Sie ja neu im Vorstand von dabei Austria, was wollen Sie denn erreichen? Was wollen Sie den anderen Mitgliedern erzählen oder was ist die Mission eigentlich?

 

Andrea Stoick: Mir ist es wichtig, das Thema psychische Erkrankungen und Beeinträchtigungen auch im Kontext beruflicher Inklusion und auch im NEBA-Kontext sichtbar zu machen. Die Zielgruppe psychische Erkrankte fällt oft durch im Sozialsystem, weil sie keinen definierten Grad der Behinderung haben oder zumindest keinen über 50 Prozent haben. In anderen Förderkontexten fallen sie oft durch die Rahmenbedingungen und deswegen ist es wichtig, dass man Angebote für die Zielgruppe erhält, dass man sie ausbaut oder erweitert oder in der Zusammenarbeit mit anderen Angeboten, so wie es die Kollegin gesagt hat, die Schnittstellen stärken kann. Mir ist wichtig, dass sichtbar zu machen und hier die Stimme dieser Zielgruppen noch einmal lauter wiederzugeben.

 

Sandra Knopp:  Sie haben es angesprochen, also die haben ja meistens nicht diesen 50 Prozent Behinderungsgrad, den es braucht, um zum Beispiel einen Behindertenpass zu bekommen. Würden Sie sich da wünschen, dass sich da was ändert?

 

Andrea Stoick: Also ein Kündigungsschutz, also mit einem Feststellbescheid, ist natürlich ein Vorteil für viele Menschen mit einer Beeinträchtigung. Ich würde mir wünschen, dass Menschen mit psychischer Erkrankung auch einen erweiterten Kündigungsschutz genießen, dass hier eine andere Einschätzung vielleicht möglich ist, aber auch, dass die Angebote, die das NEBA-Netzwerk bietet, weiterhin für diese Zielgruppe vorhanden sein können und dürfen. Dass das nicht nur an den Zahlen des prozentuellen Anteils/Behinderungsgrades festgemacht wird, sondern wirklich geschaut wird. Es ist oft lebenslang eine schwere Beeinträchtigung, die diese Menschen erfahren und dem sollte Rechnung getragen werden in den Unterstützungsmöglichkeiten.

 

Sandra Knopp: Was mir noch einfällt ist, ich kenne das persönliche Assistenz zum Beispiel bei körpereingeschränkten Personen, wäre das auch eine Idee, dass man das psychisch erkrankten Menschen bereitstellt?

 

Andrea Stoick: Wir haben ja auch Jobcoaching für Personen mit psychischer Erkrankung, das ist auf jeden Fall ein gutes Angebot. Ich würde mir wünschen, dass man das ausbauen kann, diese Unterstützung direkt am Arbeitsplatz. Was wir auch haben, ist eine Unterstützung im privaten Kontext im Wohnbereich mit der Wohnassistenz. Das wäre in ähnlicher Form für den berufliche Kontext wünschenswert.

 

Sandra Knopp: Und was möchten Sie einbringen bei Übergang, Schule, Beruf z.B. bei dabei-austria? Was sollten die anderen wissen? Was sind so Forderungen?

 

Maria Strobl: Ich bin bei der Caritas im Teilbereich nicht nur für die NEBA-Projekte und Berufsqualifizierungsprojekte zuständig, sondern auch für unsere inklusive Pflichtschule Am Himmel. Das heißt, mir ist eben genau dieser Übergang Schule-Beruf sehr wichtig. Der Grund, warum wir das bei uns in der Organisation zusammengelegt haben, war der, dass wir nicht auch in der Organisation eine Schnittstelle haben am Ende der Schulzeit, sondern dass alles in einem Bereich zusammenläuft. Damit möglichst wenig Jugendliche verloren gehen auf ihrem Ausbildungsweg und auf dem Weg in den Beruf. Durch die Tatsache, dass ich auch für Schule zuständig bin, bringe ich Vernetzungsstrukturen mit, bringe Know-how mit aus diesem Bereich, kenne die Bedürfnisse, die Bedarfe von Pädagoginnen, aber natürlich von Schulträgern. Ich bin gut vernetzt. Ich glaube, das ist ein wichtiges Faktum, um diesen Übergang gut gestalten zu können. Mir wäre es wichtig, zwischen Bildungsdirektion, Kostenträgern, Arbeitsmarkt gut vermitteln zu können, damit wir durchgängige Bildungsbiografien schaffen können.

 

Sandra Knopp: Und wann beginnt dieser Übergang eigentlich? Weil viele glauben, das fängt vielleicht mit der letzten Schulstufe an, aber ich glaube, es beginnt schon früher, oder?

 

Maria Strobl: Ja, das greift jedenfalls viel zu kurz. Es beginnt schon in der Kindheit, wo Neugier geweckt werden soll, wo mit Vorbildern der Berufsweg vorbereitet wird, durch Gespräche am Küchentisch über die Arbeit. Nicht alle Kinder und Jugendlichen wachsen in einem familiären Umfeld auf, wo sie unterstützt werden, in dieser Neugier - ihre Interessen zu entdecken. Wenn wir mit der strukturellen Arbeit erst in der 9. Schulstufe beginnen würden, wäre das einfach viel zu spät. Da sind wir unter einem wahnsinnigen Zeitdruck und kämpfen nur mehr gegen diese Zukunftsangst der jungen Menschen an. Das ist schade. Das müsste man strukturell deutlich früher ansetzen, zumindest in der 7. Schulstufe. Damit man sagen kann: Ich habe Zeit, Berufsorientierung zu gestalten, Interessen zu wecken und vor allem aber zu schauen, wo liegen die Stärken der jungen Menschen? Es ist wichtig, dass am Ende einer Schullaufzeit der oder die Jugendliche weiß: Was sind meine nächsten Schritte? Wofür interessiere ich mich? Wo docke ich jetzt an, um meinen Weg zu finden?

 

Sandra Knopp: Was sind so die größten Hürden, die es momentan gibt?

 

Maria Strobl: Naja, ein Phänomen, das in den letzten Jahren gekommen ist, vor allem mit Corona, ist das, dass sehr viele Jugendliche am Ende ihrer Pflichtschulzeit die Pflicht-Schule nicht abgeschlossen haben. Wir hatten im Schuljahr 2024/2025, ich glaube zwischen 500 und 600 Jugendliche, die mit der Schulpflicht fertig waren, aber erst beispielsweise in der dritten Mittelschulklasse. Man kann dann zwar eine Lehre beginnen, man braucht keinen positiven Pflichtschulabschluss, um ein Lehrverhältnis zu starten. Aber es fehlt natürlich, um den Übergang gut zu gestalten, das Wissen, das man erlernt in diesen letzten Schuljahren. Der Übergang in die Berufsschule wird dann nicht geschafft. Da braucht es eine gute engmaschige Begleitung, sei es jetzt durch ein zwischengeschaltetes Qualifizierungsprojekt oder durch eine sehr gute Begleitung hinein in den Arbeitsmarkt, in die Lehrstelle, in eine vielleicht Teilqualifizierung, um gut aufholen zu können, was da verloren gegangen ist.

 

Sandra Knopp: Braucht es vielleicht auch in den Schulen auch mehr Personal, das psychisch geschult ist zum Beispiel? Ist das eine Forderung, die Sie auch nachvollziehen könnten, dass es mehr Schulpsychologen und Psychologinnen gibt?

 

Andrea Stoick: Aus meiner Sicht muss das Thema generell mehr im Vordergrund stehen, weil gerade in der Jugend, in der Adoleszenzphase, viele psychische Erkrankungen ihren Ursprung haben. Corona hat dafür beigetragen, aber auch die gesamtpolitische Situation, Klimakrise, Kriege und so weiter, also da ist viel Hoffnungslosigkeit. Das muss aus meiner Sicht vielschichtig behandelt werden. Psychologische Unterstützung ist wichtig. Aber es muss Räume zum Reden. Und das kann vielfältig erfolgen. Aus meiner Sicht bräuchte das Lehrpersonal mehr Schulung darin, mit Krisen von Jugendlichen umzugehen. Ich rede jetzt nicht von suizidalen Krisen, da braucht es natürlich Fachleute dazu, aber Schulkrisen, familiäre Themen, erste Verliebtheit, all diese Dinge führen dann dazu, dass sich Jugendliche zurückziehen. Ich denke man sollte die Jugendlichen dort abholen, wo sie stehen, und da könnte die Schule viel dazu beitragen.

 

Sandra Knopp: Diese Krisensituation aktuell ist das auch bei Ihnen Thema?

 

Maria Strobl: Ja, definitiv. Also wir begegnen sehr viel Überforderung. Dass sich Jugendliche stark zurückziehen, aber nicht, weil sie faul sind, sondern weil sie wirklich eine Überforderung spüren. Deswegen ist es so wichtig, dass man in der Schule schon einen guten Zugang zu den jungen Menschen findet. Das Wichtigste auf diesem Weg ins Erwachsenenleben ist, dass man jemanden hat, der an einen glaubt und der einen unterstützt, sich zu orientieren. Diese Person, die kann in der Familie, im Umfeld liegen, das ist aber nicht immer der Fall. Diese Rolle können viele Personen übernehmen, aber es braucht zumindest einen, der an einem glaubt, damit man sich nicht im System verliert.

 

 

Sandra Knopp: Wir haben vorhin auch kurz angesprochen, es gibt ja rund 122.000 Menschen in Österreich zwischen 15 und 25 Jahren, die weder in der Ausbildung gestartet haben noch in einem Job sind und hat sich die Gruppe ihrer Meinung nach verändert? Ist die anders geworden und wie erreicht man die oder wie kann man die auch wieder erreichen?

 

Maria Strobl: Ja, die Gruppe ist auf jeden Fall noch einmal größer geworden. Das ist eine Zahl, die uns gesellschaftlich unbedingt wachrütteln sollte - weil 122.000 Jugendliche, das sind circa 13 Prozent aller in dieser Altersgruppe. Wie ich schon gesagt habe, dieses Bild, dass sie faul sind und einfach nicht wollen, das stimmt so nicht! Das ist ein völlig falsches Klischee. Da geht es wirklich darum, dass sie mit Ängsten kämpfen, mit Überforderung. Das sind junge Menschen, denen man wieder raushelfen muss. Und das muss mit niederschwelligen Angeboten passieren. Wenn es passiert ist, dass sie aus dem Schulsystem draußen sind- dann geht das nicht nur mit Verpflichtungen, sondern man muss Räume der Begegnung schaffen. Sodass sie wieder Vertrauen aufbauen können, dass sie ihren Selbstwert finden und schauen können, was der nächste Schritt sein kann.

 

Andrea Stoick: Ich kann mich dem sehr anschließen. Aus meiner Sicht braucht es diese Räume. Es braucht attraktive Anreize - weg von diesem klassischen Systemdenken, das wir haben. Die Jugendlichen, die zu Hause sitzen, die gehen normalerweise nicht raus. Man muss schauen, wie kann man über die Familiensysteme gehen? Das ist ein großes Thema. Unsere Erfahrung ist, dass viele Jugendliche, wenn sie ins junge Erwachsenenalter kommen, von selber wieder versuchen, irgendwo anzudocken, aber diese Jahre, die sie verloren haben, an Förderung, an Unterstützung, die hängen ihnen noch lange nach. Ich glaube, es braucht ein Zusammenspiel aller Systeme, unabhängig von den Fördertöpfen und unabhängig vom Angebot. Da gehört die Schule dazu, da gehört die Arbeitsmarktinklusion dazu, aber auch das medizinische, psychologische Unterstützungssystem. Aber de facto ist es eine Aufklärungsarbeit für die Eltern, ihre Kinder, ihre Jugendlichen zu unterstützen, wieder rauszugehen. Und sich auch Hilfe zu suchen oder sich selbst als Eltern. Diese Bezugssysteme sind aus meiner Sicht sehr wichtig, dass die verstehen, dass sie ihre Kinder Unterstützung brauchen.

 

Sandra Knopp: Welche niederschwelligen Angebote gibt es da zum Beispiel jetzt von beiden Seiten? Zum Beispiel jetzt mal bei der Caritas.

 

Maria Strobl: In der Caritas haben wir in Wien zwei Angebote für Needs Jugendliche, mit Restart und Pre-Work. Da können Jugendliche vorbeikommen für ein paar Stunden am Tag. Es gibt Taschengeld für die Zeit, in der sie da sind und sie können mit verschiedenen Tätigkeiten Anbindung finden. Da gibt es Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, die mit den jungen Menschen arbeiten.

 

Andrea Stoick: Also wir haben jetzt keine Angebote für diese Zielgruppe speziell, aber wir haben zum Beispiel in Tulln einen sogenannten Werkraum in der Tagesstätte mit einem Schwerpunkt für Jugendliche, die in keinem anderen System angedockt sind, die zu uns kommen können und dort Tagesstruktur haben. Diese Art von Angebot hat sich sehr bewährt, weil die Jugendlichen einen Anreiz haben, ohne dass ein großer Leistungsdruck da ist. Sie müssen bei uns nicht, sie dürfen. Und so kann man sie dann schrittweise wieder dazu bringen, Sinn an einer Ausbildung oder an einer Arbeitstätigkeit zu finden.

 

 

Sandra Knopp: Ich finde es schön, dass es diese Orte der Begegnung gibt. Jetzt würde mich interessieren, wie sieht es denn derzeit aus? Die Arbeitsmarktlage ist alles andere als rosig, die Zahlen steigen. Interessanterweise auch sehr stark die Zahlen von Frauen, also wohl auch Frauen mit Behinderung. Wie erleben Sie das derzeit? Ist das auch ein Thema, wo Sie derzeit damit arbeiten?

 

Maria Strobl: Das erleben wir schon, wobei jetzt bei uns im Weinviertel in der Arbeitsassistenz trotzdem der Anteil der männlichen Projektteilnehmer der größere ist. Bei Frauen hat man in jedem Fall, bei Frauen mit Beeinträchtigung einfach eine Doppelbelastung, eine doppelte Hürde. Es ist jetzt ohnehin so, dass Frauen verstärkt von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Es fehlen sehr viele Einstiegsberufe für Frauen. Der stationäre Handel bricht ein Stück weit weg, die Dienstleistungsbranche. Das heißt, es ist weniger Angebot da und Frauen mit Beeinträchtigung haben es dann noch einmal deutlich schwieriger, sich um die vorhandenen Stellen mit den anderen zu matchen.

 

Sandra Knopp: Und wie erleben Sie das?

 

Andrea Stoick: Also grundsätzlich genauso, was aus meiner Sicht noch stark hineinspielt, sind, trotz allem die Care-Verpflichtungen vieler Frauen, auch solche mit Beeinträchtigungen, mit psychischen Erkrankungen, die zusätzlich den Einstieg erschweren, dass man sich gar nicht mehr auch auf das konzentrieren kann, wie kann ich diese Belastung aushalten.

 

Sandra Knopp: Brauche ich da dann noch mehr Angebote oder was kann man da tun, was würden Sie sagen?

 

Maria Strobl: Ja, also zum einen ist es sicherlich eine Option, im Denken von den klassischen Frauenberufen ein Stück weit wegzukommen und dann braucht es Coachingangebote speziell für Frauen, um sie eben auf diesem Weg in den Arbeitsmarkt gut begleiten zu können und Unterstützung zu liefern.

 

Andrea Stoick: Ich denke, es braucht Angebote, die auf den Lebenskontext der Frauen eingehen. Berufsbilder, die die Kombination aus Umgang mit eigener Erkrankung und sozialem Umfeld besser vereinbaren. Und natürlich braucht es eine Veränderung in diesen Care-Kontexten, sowohl jetzt, was die Kinderbetreuung betrifft, aber auch die Betreuung älterer Angehöriger. Solange hier keine Entlastung passiert, wird es zunehmend schwierig sein, Frauen in den Arbeitsmarkt zu bringen und zu halten.

 

Sandra Knopp: Und wie erleben Sie die Vermittlung zurzeit, also Ihre Organisationen? Es ist ja wie gesagt ein angespannter Arbeitsmarkt, Sie sind ja auch im ländlichen Raum tätig. Ist man da offener oder wie erlebe Sie die Situation zurzeit jetzt?

 

Maria Strobl: Also insgesamt ist es momentan deutlich schwieriger, weil für Jugendliche wesentlich weniger Lehrstellen zur Verfügung stehen als Lehrlinge, die auf Lehrstellensuche sind. Da ist das Angebot nicht da. Im ländlichen Raum ist es anders als im städtischen Bereich. Die Betriebe sind kleiner. Der Zugang ist ein ganz anderer. Im städtischen Bereich sind sehr oft große Firmen, die über Online-Portale Mitarbeiterinnen suchen. Das ist für Menschen mit Beeinträchtigung oft die erste große Hürde. Da anzudocken, weil sie im Bewerbungsprozess schon ausgesondert werden, bevor man sie überhaupt gesehen hat, bevor man ein Gespräch geführt hat. Das ist im ländlichen Raum sicherlich anders, Klein- und Mittelbetriebe. Da führt man das Gespräch direkt mit dem Chef, da gibt es eine andere Handschlagqualität, weil man sich kennt, weil man sich begegnet. Dafür ist die Mobilität ein großes Thema im ländlichen Raum. Gerade bei jungen Menschen, die keinen Führerschein haben, scheitert es oft daran, dass man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gar nicht hinkommt oder das im Schichtbetrieb nicht möglich ist, weil man einfach um diese Uhrzeit dann keine Anbindung hat. Und ein kleiner Betrieb kann meistens einen oder vielleicht zwei Lehrlinge aufnehmen, der ist dann für vier Jahre schon mal gut bestückt und kann erst danach wieder angesprochen werden und wieder ein Lehrverhältnis zur Verfügung stellen, das ist bei uns im ländlichen Raum einfach die Gegebenheit.

 

Sandra Knopp: Wie erleben Sie das, Frau Stoick?

 

Andrea Stoick: Österreich ist ein Land der Klein- und Mittelbetriebe. Wir haben sehr, sehr viele kleine Betriebe, vor allem im ländlichen Bereich und auch bei der beruflichen Inklusion von Erwachsenen ist das Thema, wenn dann jemand ausfällt aufgrund von Erkrankung oder eben besondere Arbeitsbedingungen braucht, wird es sehr schwierig für die Betrieb das zu integrieren. Ich erlebe es so, dass viele Betriebe auf der anderen Seite nach Personen suchen, weil es eben schwierig ist im ländlichen Bereich. Die Mobilität war ein Thema, also das heißt, wenn Sie jemanden finden, dann auch viel Bereitschaft da ist, aber es muss sich natürlich mit den betrieblichen Kontexten vereinbaren lassen. Wir erleben viel Offenheit im ländlichen Bereich, genauso wie im städtischen, aber die Rahmenbedingungen sind schwieriger. Das Thema psychische Erkrankungen generell anzusprechen ist sicherlich im urbanen Bereich leichter, aber auch in größeren Betrieben, wo schon mehr Awareness da ist oder sogar eigene Abteilungen und Angebote für die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden.

 

Sandra Knopp: Und was hilft Ihnen da, wenn das ja doch noch ein tabuisiertes Thema ist? Also braucht man da einfach gute Netzwerker, die von Betrieb zu Betrieb gehen und mit denen im Dialog sind, oder? 

 

Andrea Stoick: Ja, wir haben in den Arbeitsassistenzen, aber natürlich auch im Qualifizierungsprojekt und in anderen Angeboten Menschen, die mit Betrieben in Kontakt sind. Wir fördern Arbeitserprobungen, Arbeitstraining in Betrieben, so dass die Betriebe die Berührungsängste mit der Zielgruppe verlieren und umgekehrt unsere Klient*innen sehen, sie können hier andocken und es gibt die Möglichkeit etwas zu tun. Erfahrung und Wahrnehmung ist aus meiner Sicht der beste Hebel. Wenn ein Betrieb die Erfahrung gemacht hat, ich kann mit Menschen mit psychischen Erkrankungen arbeiten, die können was leisten, die bringen Wissen mit, dann werden sie beim nächsten Mal offener sein, jemanden zu nehmen, der diese Beeinträchtigung hat.

 

Sandra Knopp: Ich nehme an, Frau Strobel, Sie haben diese Erfahrung auch schon gemacht.

 

Maria Strobl: So ist es. Da spielen die Unterstützungssysteme eine riesengroße Rolle. Wenn im Betrieb zwischen dem Lehrling und dem Arbeitgeber Probleme auftreten, wenn wir hier unterstützen können mit dem Jobcoaching, zum Beispiel bevor es zu einer Krise kommt, dann wird das Arbeitsverhältnis wieder eines, das auf guten Beinen steht. Dann ist es logisch, dass man wieder einen Menschen mit einer Beeinträchtigung anstellt.

 

Sandra Knopp: Sie haben das vorhin so schön gesagt. Sie haben gesagt, diese Menschen leisten ja auch etwas  . Wollen Sie das vielleicht auch nochmal ausführen?

 

Andrea Stoick: Sie sind das Arbeitskräftepotenzial der Zukunft. Wir reden sehr viel von Fachkräftemangel, von Betrieben, die händeringend nach qualifizierten Mitarbeitenden suchen. Und gerade bei unserer Zielgruppe haben wir oft sehr viele hochqualifizierte Menschen mit Lehrabschlüssen, die keinen Job finden aufgrund ihrer Erkrankung. Das sichtbar zu machen oder in die Ausbildungen zu investieren, auch wenn sie vielleicht länger brauchen, wenn das in Etappen passiert – da kann man viel Potenzial für die Zukunft finden. Wir werden das brauchen, gerade wegen des demografischen Wandels. Auch wenn KI uns viel abnehmen wird, wird das dazu führen, dass wir in vielen Bereichen nicht mehr genug Mitarbeitende finden werden - wir alle als Betriebe, wir sind ja auch Arbeitgeber und deswegen finde ich das total wichtig, die Chance zu sehen Menschen mit Behinderung zu fördern.

 

Sandra Knopp:  Und das Win-Win ist ja, es hilft ja, also diese Struktur unterstützt ja auch Menschen, die eine schwierige Phase haben, oder? Es ist ja auch für die wichtig, diese Strukturen, man geht arbeiten, das gibt ja auch einen gewissen Wert, einen Selbstwert.

 

Andrea Stoick: Genau, generell für alle Menschen, aber gerade, wenn man eine psychische Beeinträchtigung hat, ist Arbeit ein ganz wichtiger Faktor, der zur Stabilität beiträgt, den Selbstwert erhöht. Die Menschen erfahren, ich kann etwas leisten, ich bin nicht nur von meiner Krankheit bestimmt. Es ist wesentlich für eine möglichst lange, autonome Lebensführung. Der Anspruch kann nicht sein, dass immer alles eine durchgängige Erwerbsbiografie ist, aber je mehr man Teilhabe hat, desto mehr kann man zur Gesellschaft beitragen und ein erfülltes Leben führen. Das sollte das Ziel sein!

 

Sandra Knopp: Wie messen Sie denn den Erfolg von Inklusion? Sind das jetzt die vermittelten Stellen? Wann sind Sie zufrieden mit einem Jahr?

 

Maria Strobl: Das ist eine durchaus schwierige Frage. Ich glaube, es machen die einzelnen Biografien aus. Ich besuche die Teams immer wieder und bin im Austausch mit den Projektleitungen und erfahre einzelne Geschichten. Es ist einfach schön zu sehen, wie viele Menschen haben wir in diesem Jahr begleitet bei einer Lehrausbildung? Wie viele haben es geschafft, die Lehrabschlussprüfung zu machen? Oder wie viele Menschen haben wir in dem Berufseinstieg begleitet? Aber auch die Tatsache, dass Firmen uns dann konkret ansprechen, sagen, super, dass das funktioniert hat, dass wir den Menschen jetzt bei uns angestellt haben, das verändert was im Team, das macht einfach ein ganz anderes Betriebsklima. Diese Geschichten zu hören, das ist der größte Erfolg. Ich glaube, dass wäre, was wir uns wünschen, dass der Begriff gar nicht fallen muss, Inklusion, sondern Unterstützungsleistungen, einfach wahrgenommen werden als Partner einer HR-Abteilung, als Unterstützung für die Geschäftsführung und nicht als jemand, der einen Menschen mit Beeinträchtigung im Betrieb begleitet.

 

Sandra Knopp: Frau Stoick, wann sind Sie zufrieden?

 

Andrea Stoick: Zum einen natürlich dieses Erfahren und Erleben, die Geschichten und Biografien, die dahinterstecken. Zu sehen, wie Menschen, wenn ich Einrichtungen besuche, ganz anders wirken, als noch vor drei, vier Monaten, wo sie bei uns gestartet haben, aufrechter gehen, mehr Selbstbewusstsein haben. Aber natürlich auch die Erreichung der Wirkungsziele und der Vorgaben der Fördergeber. Ich finde es ganz wichtig, die Wirksamkeit unserer Maßnahmen in Zahlen gießen zu können. Volkswirtschaftlich ist es relevant, wie viel bringt diese Unterstützung der Menschen für den Arbeitsmarkt und für die Menschen selber - werden Krankheitstage reduziert, Medikationen reduziert, können Betriebe mehr Leute anstellen. Sofern man hier Zahlen zur Verfügung hat, sieht man, dass es wirkt. Ich freue mich immer, wenn das sichtbar wird, sowohl persönlich auf der menschlichen Ebene als auch auf der Zahlenebene und Fördergeber sehen, dass was sie da investieren oder die Gesellschaft sieht, das, was hier investiert wird, das bringt etwas für das Gesamte.

 

Sandra Knopp: Das war ein wunderschönes Schlusswort. Ich bedanke mich bei Ihnen beiden für dieses Gespräch. Vielen herzlichen Dank.

 

Andrea Stoick: Danke auch, hat mich sehr gefreut.

 

Maria Strobl: Danke vielmals für die Einladung.

 

Das war „Dabei sein im Arbeitsleben – Chancen für alle“.  Links zu PSZ und zur Beruflichen Inklusion der Caritas finden Sie in den Shownotes.

Das PSZ hat einen Podcast: namens „Wege zur psychischen Gesundheit“, hören Sie doch mal rein unter psz.co.at/podcast

Auf Wiederhören und bis zum nächsten Mal, sagt Sandra Knopp.