Mehr als jeder vierte Jugendliche mit Behinderung ist weder in Ausbildung noch im Job – eine deutlich höhere Quote als bei jungen Menschen ohne Behinderung. Gleichzeitig gerät der Ausgleichstaxfonds, der zentrale Unterstützungsangebote für berufliche Inklusion finanziert, unter Spardruck. Was das für Betroffene, Unternehmen und die Arbeitsmarktpolitik bedeutet, bespreche ich mit Eva Skergeth-Lopič und Christina Schneyder von dabei-austria.
Die Arbeitslosigkeit unter Menschen mit Behinderungen ist hoch – und bei jungen Menschen spitzt sich die Lage weiter zu. Mehr als jeder vierte Jugendliche mit Behinderung ist weder in Ausbildung noch im Job. Während die Quote bei jungen Menschen ohne gesundheitliche Einschränkungen bei 7,5 Prozent liegt, ist sie bei Jugendlichen mit Behinderungen auf 26,8 Prozent gestiegen! Der Unterstützungsbedarf nimmt zu, aber gleichzeitig steigt der Spardruck bei Arbeitsmarktprojekten. Was bedeutet das für jene, deren Einstieg ins Berufsleben ohnehin fragil ist und für Unternehmen die Inklusion als Chance sehen und diese Jugendlichen beschäftigen wollen?
Gleichzeitig gerät der Ausgleichstaxfonds (ATF) unter budgetären Druck. Der ATF finanziert Unterstützungsangebote zur beruflichen Inklusion von Menschen mit Behinderungen – etwa Arbeitsassistenz, Qualifizierungsmaßnahmen, Lohnkostenzuschüsse und andere begleitende Hilfen am Arbeitsplatz. Der finanzielle Bedarf übersteigt die Einnahmen. Zusätzliche Mittel aus dem Bundesbudget für 2026 sollen ab 2027 schrittweise reduziert werden. Das gefährdet die Stabilität bestehender Unterstützungsangebote und könnte zu weiter steigenden Arbeitslosenzahlen bei Menschen mit Behinderungen führen. Es braucht daher eine nachhaltige Sicherung des Ausgleichtaxfonds.
Über all das spreche ich in dieser Folge mit Eva Skergeth-Lopič, sie ist Vorsitzende von dabei-austria, dem Dachverband für berufliche Inklusion und mit dabei-austria-Geschäftsführerin Christina Schneyder.
Teilhabe unter Druck: Was Kürzungen für berufliche Inklusion bedeuten
Anmod: Herzlich Willkommen, sagt Sandra Knopp. Die Arbeitslosigkeit unter Menschen mit Behinderungen ist hoch – und bei jungen Menschen spitzt sich die Lage weiter zu. Mehr als jeder vierte Jugendliche mit Behinderung ist weder in Ausbildung noch im Job. Während die Quote bei jungen Menschen ohne gesundheitliche Einschränkungen bei 7,5 Prozent liegt, ist sie bei Jugendlichen mit Behinderungen auf 26,8 Prozent gestiegen. Trotz Ausbildungspflicht bis 18 und zahlreicher gesetzlicher Förderprogramme wächst der Unterstützungsbedarf – ein strukturelles Problem, das immer sichtbarer wird. Gleichzeitig steigt der Spardruck bei Arbeitsmarktprojekten. Was bedeutet das für jene, deren Einstieg ins Berufsleben ohnehin fragil ist und für Unternehmen, die Inklusion als Chance sehen und diese Jugendlichen beschäftigen wollen? Darüber spreche ich in dieser Folge mit Eva Skergeth-Lopič, sie ist Vorsitzende von dabei-austria, dem Dachverband für berufliche Inklusion und mit dabei-austria-Geschäftsführerin Christina Schneyder.
Christina Schneyder: Ja Sandra ich freue mich sehr, dass wir über so ein wichtiges Thema sprechen, nämlich die berufliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Warum ist das so wichtig und so bedeutsam? Ich glaube gerade in Zeiten, in denen die öffentlichen Mittel knapp sind und der Spardruck im gesamten Land spürbar ist, wird deutlich wie wichtig gezielte Förderung und Unterstützung ist. Es geht hier um Chancengleichheit, es geht um soziale Gerechtigkeit. Es geht aber auch um wirtschaftliche Teilhabe, Zukunftsperspektiven und das volle Potenzial unserer Gesellschaft zu entfalten. Menschen mit Behinderungen und Jugendliche mit Assistenzbedarf haben eben viel zu geben, wenn sie die richtigen Rahmenbedingungen, die richtige Unterstützungen bekommen. Und dann können sie eben am Arbeitsmarkt erfolgreich sein. Und genau das, glaube ich, wollen wir heute im Podcast aufzeigen.
Sandra Knopp: Genau das wollen wir. Und bevor wir da ins Detail gehen, möchte ich zu meiner zweiten Gesprächspartnerin kommen. Wir sprechen ja heute über die Situation für Menschen mit Behinderungen am österreichischen Arbeitsmarkt. Österreich hat ja 2008 die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung ratifiziert. Wozu hat sich denn Österreich konkret verpflichtet, Frau Skergeth-Lopič?
Eva Skergeth-Lopič: Ja, also ich erinnere mich sehr gut, wie der damalige Sozialminister Erwin Buchinger diesen markanten Schritt gesetzt hat in seiner Zeit und die UN-Konvention ratifiziert hat. Was bedeutet ratifiziert? In meinem Verständnis bedeutet das, dass ein Staat wie Österreich eine grundsätzliche Strategie formulieren muss für die Gestaltung einer inklusiven Gesellschaft. Und da ist das Kapitel Arbeit natürlich ein Teil davon. Die Methode, um zu so einer Strategie zu kommen, kann man grundsätzlich wählen als Staat. Österreich hat die Methode gewählt, Nationale Aktionspläne zu formulieren, in einer ersten Phase bis 2021. Und der neue, zweite Aktionsplan ist jetzt gestaltet von 2022 bis 2030. Da findet man eine Menge an Maßnahmen.
Sandra Knopp: Welche wären das zum Beispiel?
Eva Skergeth-Lopič: Dass Menschen mit Behinderung in Arbeit kommen und ein Einkommen verdienen können durch ihre Arbeit und dass ein inklusiver Arbeitsmarkt für alle ermöglicht wird, mehrere Maßnahmen, in denen auch die Programme des Netzwerkes beruflicher Assistenz grundsätzlich vorkommen und wie sie verstärkt werden müssen oder wie die Finanzierungsbedingungen für solche Programme abgesichert werden müssen.
Der Nationale Aktionsplan 22 bis 30 ist eine Antwort auf den Status quo, den Österreich bis 21, 22 erreicht hat. Er wurde entwickelt, erstmals übrigens unter Beteiligung auch der Länder, nicht nur von Bundesseite, und legt mehrere Kapitel auf für das Forcieren eines inklusiven Arbeitsmarktes. Das eine sind Förderprogramme, Maßnahmen als Angebote. Zum einen für die Wirtschaft, zum anderen für betroffene Menschen, die Arbeit suchen. Das andere ist die grundlegende Basis, nämlich dass ein Regelwerk, ein Gesetzeswerk entsteht, das dienlich ist, dass ein inklusiver Arbeitsmarkt begründet werden kann und mehr und mehr weiterentwickelt und die geeignete Finanzierung dazu.
Sandra Knopp: Gut, jetzt würde mich interessieren, wie stehen wir denn derzeit da, weil die Meldungen vom Arbeitsmarkt sind ja keineswegs positiv, im Gegenteil, ja, wie steht Österreich derzeit?
Christina Schneyder: Wenn wir uns den österreichischen Arbeitsmarkt anschauen, zeigt sich ein sehr klares Bild. Für die Gesamtbevölkerung ist die Lage zwar angespannt, die Beschäftigung bleibt aber relativ stabil. Laut den aktuellen AMS-Arbeitsmarktzahlen für Jänner 2026 stieg die Arbeitslosigkeit insgesamt um 3,8 Prozent im Verhältnis zum Vorjahr. Für Menschen mit Behinderungen schaut es anders aus, und zwar deutlich schlechter. Die Arbeitslosigkeit hier ist im selben Zeitraum, ist um 13,9 Prozent gestiegen, also das ist ungefähr um 3,6-mal so stark gestiegen. Insgesamt waren im Jänner 2026 17.000 Menschen mit Behinderungen arbeitslos gemeldet, das sind um ein bisserl mehr als 2000 Personen mehr als im Vorjahr. Und man sieht sehr klar, dass hier die Schere immer weiter aufgeht, gerade für Menschen mit Behinderungen. Diese sind eben vom konjunkturellen Abschwüngen früher und viel stärker betroffen als andere Beschäftigte.
Schauen wir uns die Zahlen von jungen Menschen mit Behinderungen an. Mehr als jeder Vierte im Alter von 25 bis 24 Jahren ist weder in Ausbildung oder Beschäftigung. Zum Vergleich, junge Menschen ohne Einschränkungen liegen deutlich drunter. Hier sind wir bei 7,5 Prozent, die ohne Beschäftigung sind, und bei jenen mit Behinderungen sind wir bei 26,8 Prozent. Man sieht, dass ausgerechnet jene Gruppen, deren langfristigen Erwerbschancen von einem gelungenen Einstieg abhängig sind, zunehmend von Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden. Wir haben somit ein strukturelles Problem gerade. Das heißt, trotz gesetzlicher Regelungen und einer Vielzahl von Förderprogrammen steigt der Bedarf an jungen Menschen, die Unterstützung brauchen, immer mehr.
Eva Skergeth- Lopič:Und noch einmal zurückkommend auf den NAP 2022. Da gibt es ein ganz klar formuliertes Ziel, das sagt, die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung soll der Gesamtarbeitslosigkeit angeglichen werden und dafür sollen die geeigneten Maßnahmen gesetzt werden. Oder es gibt einen Indikator im NAP 2022, der sagt, die Anzahl der Ausbildungsplätze für Jugendliche mit Benachteiligung soll Jahr für Jahr im Vergleich als Indikator herangezogen werden und es sollen vermehrt Maßnahmen bereitgestellt werden, dass Jugendliche in Ausbildung kommen und Jobperspektiven in der Wirtschaft finden.
Sandra Knopp: Warum ist es denn so wichtig, auch für unsere Volkswirtschaft, dass genau diese Jugendlichen eine Perspektive bekommen, dass sie in ein geregeltes Arbeitsverhältnis kommen?
Christina Schneyder: Der Grund ist eben nicht nur ein sozialer Grund, sondern auch ein wirtschaftlicher Grund. Und zwar, wenn die Wirtschaft wieder anspringt, können Menschen, die vorher systematisch unterstützt wurden, schneller und erfolgreich in den Arbeitsmarkt einsteigen. Sie tragen aktiv in dem Fall zur Wertschöpfung bei, zahlen Steuern und Sozialabgaben und reduzieren dadurch die langfristigen Kosten im Bereich Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe oder andere Unterstützungsleistungen. Das heißt jede Förderung von Ausbildung und berufliche Integration ist eine Investition in das volkswirtschaftliche Potenzial. Und wenn wir diese Chance nicht nutzen, gehen enorme Ressourcen verloren. Potenzial, dass sonst gewinnbringend und produktiv in der Wirtschaft eingesetzt werden könnte. Außerdem steigen die langfristigen gesellschaftlichen Kosten natürlich, das darf man auch nicht vergessen, weil Menschen, die länger arbeitslos sind, weniger Einkommen haben und stärker auf Unterstützung angewiesen sind.
Sandra Knopp: Was ja dann auch wieder Kosten verursacht.
Christina Schneyder: Genau.
Eva Skergeth-Lopič: Und ergänzend hinzugestellt, Christina, wir leben in Zeiten des demografischen Wandels. Es sind in Summe - Jahr für Jahr - in Österreich weniger Menschen zur Verfügung, die überhaupt am Erwerbsleben teilnehmen können. Das heißt, es ist eine besondere Bedeutung zu legen auf die Jugendlichen, damit sie ihren Einstieg in das Berufsleben finden. Es hat eine besonderen Bedeutung für die Wirtschaft. Und die Unternehmen und die Betriebe, dass sie aus der eigenen Gesellschaft heraus tatsächlich die zukünftigen Arbeitskräfte, die sie brauchen, gewinnen können. Und da ist es eigentlich ein Stück weit fahrlässig an Personen, die gesundheitliche Einschränkungen haben, einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben oder eine Behinderung haben, nicht auch gleichberechtigt zu denken wie an alle anderen Jugendlichen.
Christina Schneyder: Darf ich noch vielleicht kurz ergänzen, ich gebe der Eva völlig recht und ich ergänze um eine besondere Zielgruppe, nämlich Frauen mit Behinderungen, die multiplen Diskriminierungen ausgesetzt sind und hier ist es besonders wichtig auch diese Gruppe besonders gut mitzunehmen.
Sandra Knopp: Und inwiefern bedrohen eben die angekündigten Sparmaßnahmen im Bereich Arbeitsmarkt die berufliche Inklusion?
Eva Skergeth-Lopič: Das Problem ist ein Grundsätzliches. Die Finanzierung für alles, was bedeutsam ist, damit Personen herangeführt werden können an den Arbeitsmarkt oder das Unternehmen auch offen sind, dafür Personen mit Behinderung anzustellen. Diese Finanzierung ist nicht ausreichend gewährleistet. Das hat man schon 2022 gesehen, sonst hätte man im von mir zitierten Nationalen Aktionsplan nicht eine Maßnahme hineinschreiben müssen, die da lautet: „Es gilt, den Ausgleichstaxfonds, nämlich das Finanzierungsmodell für all diese Maßnahmen, auf neue Beine zu stellen und es gehört die Finanzierung nachhaltig abgesichert“. Man hat es kommen sehen, 2022, dass die Mittel zu gering werden und man hat die Zeit versäumt. Und jetzt befindet man sich ab 2025 in einer Zeit, wo man ausschließlich in Richtung Einsparungen, Kürzungen arbeitet, ohne diesem Kapitel die geeignete Priorität zu geben.
Christina Schneyder: Wie die Eva schon gesagt hat, die angekündigten Sparmaßnahmen bedrohen die berufliche Inklusion massiv, besonders für Menschen mit Behinderungen und Jugendliche mit Assistenzbedarf.
Es steht viel auf dem Spiel, es stehen Programme auf dem Spiel, es steht ein bundesweites Netzwerk am Spiel. Es stehen Projekte am Spiel, die aufgrund von regionalen Bedarfen entwickelt wurden, um Angebotslücken sozusagen zu schließen. Und genau diese Maßnahmen und Angebote sind für viele oft die letzte Chance, überhaupt in Arbeit zu gelangen.
Und vielleicht darf ich das an einem Beispiel dingfest machen. Im Zeitraum von Jänner bis August 2025 wurde von der Arbeitsassistenz - die Arbeitsassistenz ist eine Maßnahmenart, wo Menschen mit Behinderungen und Jugendliche mit Assistenzbedarf in die Arbeit gebracht werden soll, also ein Job erlangt werden oder eine Sicherung durchgeführt werden soll - es wurden von dieser Arbeitsassistenz in diesem Zeitraum 6.500 Begleitungen abgeschlossen. Davon führten 53 Prozent zu einer erfolgreichen Beschäftigungsaufnahme. Über die Hälfte. Und davon beeindruckende 86 Prozent führte die Beschäftigungsaufnahme auf den ersten Arbeitsmarkt.
Und noch besser stehen sie im Bereich der Sicherungen da. Also 85 Prozent der Begleitungen endeten damals mit einer erfolgreichen Arbeitsplatzsicherung. Das heißt wir sehen, wie wesentlich diese Maßnahme ist und wie bedeutsam das auch für die Nachhaltigkeit ist. Kommt es zu Sparmaßnahmen können weniger Menschen erreicht werden, es gibt weniger individuelle Unterstützung, es gibt weniger Hilfsmittel, es gibt weniger Betreuung und die Schere zwischen Menschen mit Behinderungen und ohne Behinderungen geht noch weiter auseinander. Das heißt, ohne gezieltes Förderprogramm wird Inklusion am Arbeitsmarkt gefährdet, erfolgreiche Maßnahmen drohen zu schwinden und die strukturelle Benachteilung von Menschen mit Behinderungen wird noch deutlicher zu Tage getreten.
Sandra Knopp: Was bedeutet es dann für die Organisationen, auch wenn jetzt eingespart wird und auch für die Programme selber?
Eva Skergeth-Lopič: Da muss man ganz deutlich daran denken, dass der Erfolg von guter Arbeitsvermittlung davon abhängt, welche Rahmenbedingungen die Mitarbeitenden haben. Und wenn der Träger unter Druck kommt, wenn Teams reduziert werden, wenn weniger Mitarbeiterinnen zur Verfügung sind, dann kann zum einen weniger Leistung erbracht werden für die Teilnehmenden und zum anderen droht die Gefahr das qualifizierte Fachkräfte, die sich langjährig in dem Bereich engagiert haben, in andere Bereiche abwandern und damit das Know-how verloren geht, dass es braucht, dass diese Projekte erfolgreich arbeiten können.
Sandra Knopp: Jetzt gibt es ja die Ausbildungspflicht bis 18 unter anderem, da sind ja auch gesetzliche Vorgaben damit verbunden. Was bedeuten Einsparungen in diesen Bereich?
Christina Schneyder: Wenn es zu Einsparungen kommt, reden wir auch von Kürzungen der Personalressourcen. Jetzt gibt es in Österreich die Ausbildungspflicht bis 18. Und das ist eine ganz klare gesetzliche Verpflichtung, dass jeder Jugendliche in einer Ausbildung bis zum 18. Lebensjahr sein muss. Wenn nicht, dann könnte das sogar Verwaltungsstrafen für die Eltern nach sich ziehen. Wenn es hier aber jetzt beispielsweise zu Kürzungen im Bereich der Personalressourcen kommen würde, hat das ernste Folgen. Die Berufsausbildungsassistenz hat den gesetzlichen Auftrag, alle Jugendlichen im Rahmen der verlängerten Lehre und der Teilqualifizierung zu begleiten. Das ist ein ganz klarer gesetzlicher Auftrag. Das heißt, ich habe zwei gesetzliche Aufträge eigentlich. Ich habe die Ausbildungspflicht bis 18, die sagt, Jugendlicher, du musst in Ausbildung sein. Und das Berufsausbildungsgesetz, das sagt, der junge Mensch muss, wenn er eine verlängerte Lehre macht, von der Berufsausbildungsassistenz begleitet werden. Wenn es hier aber jetzt zu Personalkürzungen kommt, stellt sich die Frage, was macht man, wenn Jugendliche mit einem Lehrvertrag daher kommen und sagen, ich muss aber bitte begleitet werden, oder das Unternehmen sagt, wir haben den gesetzlichen Auftrag, wir müssen begleitet werden und es gibt die Personalressourcen nicht, was macht man dann? Sagt man, liebes Unternehmen, stellen Sie ein halbes Jahr später an? Das wird man natürlich nicht machen, aber wie löst man das? Und das sind die ganz konkreten Folgen daraus, das heißt die Begleitung wird erschwert. Ich habe keine Lösung dafür, muss ich ganz ehrlich sagen, außer dass man die geeigneten Ressourcen zur Verfügung stellt! Genau vor allem dann, wenn man im gesetzlichen Spannungsfeld ist. Das heißt, der Gesetzgeber hat auf der einen Seite zwei Gesetze erlassen und stellt aber gleichzeitig dann möglicherweise nicht die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung! .
Sandra Knopp: Was bedeutet das denn für die Unternehmen, wenn jetzt, wie gerade angesprochen, dann nicht klar ist, wie die Rahmenbedingungen sind, um Lehrlinge auszubilden, die jetzt zum Beispiel eine Teilqualifizierung machen?
Eva Skergeth-Lopič: Ja eben, das müssen wir mehr in den Blick nehmen, dass die Betriebe, die Wirtschaftsunternehmen ja grundsätzlich jugendliche Arbeitskräfte brauchen, hin qualifizieren wollen auf ganz spezielle Aufgaben, die sie in den Unternehmen haben. Und das sind die Jugendlichen, die eine Teilqualifizierungslehre absolvieren, natürlich ein riesiges Potential, um genau für bestimmte Anforderungen in Unternehmen eine neue Arbeitskraft spezifisch hin zu qualifizieren, aber ohne die Berufsausbildungsassistenz wird das nicht gelingen und dann fehlen eben in der Wirtschaft die neuen Arbeitskräfte.
Sandra Knopp: Die wir, wie wir besprochen haben, aufgrund der Demografie, dringend brauchen.
Eva Skergeth-Lopič: Genau.
Sandra Knopp – Moderations-Einschub zum ATF: Ein Instrument mit dem Maßnahmen im Bereich der beruflichen Inklusion finanziert werden, ist der Ausgleichstaxfonds, kurz ATF. Dazu zählen Lohnkostenzuschüsse für Betriebe, Qualifizierungs- und Weiterbildungsangebote, Projektförderungen oder auch integrative Betriebe. Gespeist wird dieser Fonds aus mehreren Quellen: aus Bundesmitteln, aus europäischen Sozialfonds-Geldern – und aus der sogenannten Ausgleichstaxe. Unternehmen in Österreich müssen ab einer Größe von 25 Beschäftigten Menschen mit Behinderungen beschäftigen. Konkret gilt: Für jeweils 25 Beschäftigte ist eine Pflichtstelle vorgesehen. Wird diese nicht besetzt, fällt die sogenannte Ausgleichstaxe an – derzeit zwischen 344 Euro monatlich bei Betrieben mit bis zu 99 Beschäftigten und 512 Euro monatlich bei Unternehmen ab 400 Beschäftigten. Es stellt sich nun die Frage: Inwiefern hat der Fonds bisher ausgereicht?
Christina Schneyder: Wir wissen, und es wurde glaube ich heute schon angesprochen von dir Eva, dass er nicht gereicht hat. Wir wissen eigentlich schon seit 2022, dass er nicht gereicht hat. Das Finanzierungssystem des ATFs ist ein paradoxes System. Wenn viele Unternehmen Menschen mit Behinderungen einstellen, sinkt der Bedarf an bestimmten Förderleistungen. Gleichzeitig gehen aber auch Einnahmen zurück, weil weniger Ausgleichsabgaben eben anfallen. Das erzeugt ebenso einen gegenläufigen Effekt von Einnahmen und Ausgaben, also weniger Bedarf kann zu weniger Mittel führen. Und weniger Mittel können wiederum die Angebote schwächen, die den Bedarf überhaupt reduzieren sollen. Und das ist dieser Kreislauf, in dem wir uns bewegen.
Kurz gesagt, das System belohnt kurzfristig die Beschäftigung, schwächt aber langfristig, die Finanzbasis für die Infrastruktur, die diese Beschäftigungen erst möglich macht. Das ist das Kernproblem.
Eva Skergeth-Lopič: Ja, das sind komplexe Zusammenhänge mit der wirtschaftlichen Lage der Unternehmen generell. Wenn Unternehmen unter Druck kommen, so wie wir das im letzten Jahr 25 vermehrt beobachtet haben, sinkt die Beschäftigtenquote in Österreich allgemein und wenn die Arbeitnehmerinnenquote sinkt, dann sinken auch die Einnahmen im ATF. Das wird dann noch einmal deutlicher und dramatischer, wenn es kurzfristig zu Insolvenzen kommt. Wir haben das beobachtet bei Großbetrieben im letzten Jahr. Spontan fallen die Ausgleichszahlungen in den ATF aus, es sinkt die Einnahmequote, während gleichzeitig die Unternehmen und die betroffenen Personen, wie vorher schon ausgeführt, einen erhöhten Bedarf haben und also die Maßnahmen, die aus dem ATF finanziert werden, eigentlich zu erhöhtem Ausgaben führen würden.
Sandra Knopp: Inwieweit konnte denn der ATF mit seinen Ressourcen die Bedarfe dieser Zielgruppen abdecken?
Christina Schneyder: Durch den ATF konnte in den letzten Jahren viel bewegt werden und es gibt eine Reihe von Erfolgszahlen, die zeigen, dass die Maßnahmen wirken. Viele Menschen mit Behinderungen konnten Beschäftigungen aufnehmen oder ihren Arbeitsplatz sichern. Und das belegt ganz klar, der Fonds ist ein wirksames Instrument zur Förderung beruflicher Teilhabe. Gleichzeitig hat sich aber auch eben gezeigt, dass der Ressourcen des Fonds nicht ausreichen. Gerade im Rahmen der Corona- Pandemie haben wir gesehen, dass die psychischen Problemlagen steigen – das hat sich natürlich sofort in den Maßnahmenarten ausgewirkt. Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass die Ressourcen des Fonds nicht ausreichen, um die Bedarfe abzudecken. Die Corona-Pandemie oder die Ukraine-Krise hat uns die Grenzen ganz besonders deutlich vor Augen geführt. Die Nachfrage nach Unterstützung ist gestiegen und gestiegen, gerade im Bereich der psychischen Erkrankungen. Wir haben es auch mit veränderten Unterstützungsbedarfen zu tun. Im Bereich der psychosozialen Begleitung, sind niederschwellige Beratung, längere Integrationsphasen erforderlich. Wir sehen auch, dass viele bestehende Förderinstrumente primär auf die klassische berufliche Rehabilitation ausgelegt sind und diesen veränderten Bedarf nicht immer vollständig ab decken. Und genau hier müssen wir einhaken und hier braucht es einfach die Veränderung und einfach die grundsätzlichen finanziellen Ressourcen dazu.
Sandra Knopp: Im Zuge der Erstellung des Budgets gelang es für den ATF, zusätzliche Budgetmittel für die Jahre – 2026 bis 2029 in der Höhe von insgesamt 150 Millionen Euro – aus Bundesmitteln zur Verfügung zu stellen. So hieß es vom Sozialministerium. Was bedeutet das für den ATF aus eurer Sicht?
Eva Skergeth-Lopič: Wenn man an das Finanzierungssystem des ATF denkt, dann muss man ganz klar sagen, der angekündigte Zufluss an Bundesmitteln in der Höhe von 150 Millionen für die folgenden vier Jahre ab 2026 ist schlicht und einfach zu gering. Für dieses Jahr werden 65 Millionen angesetzt, schon für das nächste Jahr nur mehr 45 Millionen und dann Jahr für Jahr noch weniger. Bei gleichzeitig steigenden Anforderungen sind das auch steigende Kosten. Die Mitarbeitenden in den Projekten haben Rechte auf ihre Kollektivvertragssteigerungen. Da verweise ich auf das Arbeitsrecht, wonach die Personalkosten über Kollektiverträge geregelt sind, die jedes Jahr steigen und weitergegeben werden müssen an die Mitarbeitenden. Also bei steigenden Kosten ist eine Rücknahme Jahr für Jahr der Bundesmittel in den ATF hinein schlichtweg zu wenig und das entspricht nicht einer geregelten Finanzierungsstrategie, so wie sie grundsätzlich schon im Jahr 2022 vorgesehen war, nämlich den ATF auf neue Finanzierungsbeine zu stellen. Übrigens: Auch die aktuelle Bundesregierung hat sich in ihrem Regierungsprogramm vorgenommen, eine Evaluierung des ATF zu gestalten. Wir warten darauf, dass wir daran beteiligt werden.
Christina Schneyder: Ja, also die Auswirkungen sind völlig klar. Die Zielsetzung ist die Ausgaben, den Einnahmen anzupassen. Und das bedeutet, dass es zu einem reduzierten Angebot kommen wird. 26 hat man schon damit begonnen. Es kam zu Kürzungen bei den Mitarbeiter:innen. Weniger Mitarbeiter:innen müssen die Bedarfe decken und gleichzeitig kam es auch zu Projektschließungen. Das heißt, die Auswirkungen sind direkt am Menschen, weil einfach weniger Teilnehmer begleitet, werden können und das aber gleichzeitig bei einer deutlich ansteigenden Zahl an Arbeitslosen von Menschen mit Behinderungen. Wir haben es heute schon einmal gehört, 13,9 Prozent ist bei Menschen mit Behinderungen deutlich höher als in der gesamten Bevölkerung betrachtet. Und ja, Entschuldigung, jetzt muss ich ein bisschen polemisch werden. Natürlich kann man Kürzungen bei den Projektförderungen machen und damit möglicherweise Haushaltslöcher kurzfristig stopfen oder dann nichts mehr hineinspielen. Aber damit macht man auch langfristige Vermittlungschancen zunichte. Jede Kürzung kann den Zugang zu Beschäftigungsschancen für besonders benachteiligte Menschen direkt einschränken.
Sandra Knopp:Ja, Christina, was braucht es denn aus deiner Warte, damit die beruflichen Chancen von Menschen mit Behinderungen in Zukunft auch gewährleistet sind?
Christina Schneyder: Gute Frage. Und ich versuche es jetzt einfach zu halten, denn es ist in Wahrheit wahnsinnig komplex. Aber einfach gesagt, wir müssen schützen, was wirkt, sonst drohen Rückschritte bei den Beschäftigungserfolgen. Wir brauchen kurzfristig eine Stabilisierung des ATFs, damit entsprechend die Bedarfe gedeckt werden können und mittel- bis langfristig brauchen wir eine Reformierung der Finanzierungslogik des ATFs.
Sandra Knopp: Ja, jetzt haben wir ja schon darüber gesprochen, eben über die Bedeutung auch für die Wirtschaft, über die Inklusion von Menschen mit Behinderungen, wie wichtig das ist, welche Bedeutung hat das Ihrer Ansicht nach in der Gesellschaft jetzt schon?
Eva Skergeth-Lopič: Ja, es ist bedauerlich, dass dieses Thema in der letzten Zeit mehr so ein Thema ist, das sich ausschließlich bei den Betroffenen selbst zeigt oder bei den Dienstleistern, die sich dafür engagieren oder eben bei so einer Interessensvertretung, wie wir es sind als Dachverband und dass es eben genau nicht, weder in der Gesellschaft noch auch bei den politischen Entscheidungsträgern und Trägerinnen die entsprechende Priorisierung erfährt. Das ist das, wofür wir uns grundsätzlich engagieren wollen, und da verweise ich noch einmal darauf, dass wir als Dachverband ja schon am Beginn dieser Regierungsperiode politische Forderungen formuliert haben und auch allen Instanzen übergeben haben, wo wir diese verschiedenen Aspekte, die wir heute angesprochen haben, aufzeigen, ansprechen und darauf hinweisen. Ich hoffe sehr, dass unsere Arbeit, die wir gemeinsam mit unseren Mitgliedern leisten, österreichweit dazu führt, dass das Thema mehr in die Öffentlichkeit kommt.
Christina Schneyder: Inklusion geht uns alle an und ist eine gesellschaftspolitische Verantwortung, die wir in Österreich mit der UN-BRK ratifiziert haben. Sie darf daher nicht von einzelnen Geldtöpfen abhängen, sondern muss konsequent und verbindlich umgesetzt werden.
Sandra Knopp: Ein schnelles Schlusswort. Ich danke für das Gespräch!
Christina Schneyder: Danke Sandra.
Eva Skergeth-Lopič: Danke auch.
Abmoderation: Das war „dabei sein im Arbeitsleben – Chancen für alle“ Den Podcast gibt es auf allen gängigen Podcastplattformen zu hören.Wenn Ihnen berufliche Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung wichtig ist, dann teilen Sie bitte diese Podcastfolge – mit ihren Familien, mit Freund:innen, mit Kolleg:innen und allen, denen Inklusion am Herzen liegt. Abonnieren Sie den Podcast, damit Sie keine Folge verpassen. Mehr über die Forderungen von dabei-austria an die Arbeitsmarktpolitik lesen Sie unter dabei-austria.at Auf Wiederhören und bis zum nächsten Mal, sagt Sandra Knopp.