Dabei sein im Arbeitsleben - Chancen für alle! Der Podcast von dabei-austria.

Was passiert, wenn Arbeit sich dem Menschen anpasst?

Episode Summary

In dieser Podcastfolge geht es um Menschen, die mit ME/CFS leben und welche Voraussetzungen es braucht, damit eine Rückkehr in die Arbeit überhaupt möglich ist. Außerdem geht es darum, wie Kapsch TrafficCom in der Annotation auf die Fähigkeiten von Menschen aus dem Autismusspektrum setzt und damit Künstliche Intelligenz trainiert.

Episode Notes

Der erste Beitrag beleuchtet den Alltag von Menschen mit ME/CFS und die Herausforderungen beruflicher Teilhabe. Astrid Edinger von der WUK-Arbeitsassistenz und Verena Hackl von der Medizinischen Universität Wien erklären, wie die chronische Erkrankung erkannt wird, welche Symptome typisch sind und warum ME/CFS oft unsichtbar bleibt. Ein zentraler Ansatz im Umgang mit der Erkrankung ist das sogenannte Pacing – ein bewusstes Energiemanagement, das Überlastung vermeiden soll. Psychotherapie und arbeitsbezogene Unterstützungsangebote können Betroffene dabei begleiten, ihre Belastungsgrenzen einzuhalten und Arbeit – wenn möglich – zu erhalten. Gleichzeitig machen die Expertinnen deutlich, dass es in Österreich nach wie vor an ausreichenden Versorgungsstrukturen, Forschung und Aufklärung fehlt.

Der zweite Beitrag zeigt, wie Künstliche Intelligenz neue inklusive Arbeitsmöglichkeiten schafft. Am Beispiel der Datenannotation bei KapschTrafficCom wird deutlich, wie Menschen – insbesondere aus dem Autismus-Spektrum oder mit anderen Beeinträchtigungen – ihre Stärken in Präzision, Detailgenauigkeit und Ausdauer in den KI-Trainingsprozess einbringen. Die Arbeit besteht darin, Bilddaten zu markieren und zu prüfen, um KI-Systeme zuverlässig zu trainieren. Der Verein „Responsible Annotation“ ist aus einem Pilotprojekt hervorgegangen und verfolgt das Ziel, nachhaltige Arbeitsplätze im KI-Umfeld zu schaffen. Neben klaren Strukturen, verständlichen Regeln und einem reizarmen Arbeitsumfeld zeigt der Beitrag vor allem: Wenn Arbeitsbedingungen angepasst werden, entstehen neue berufliche Chancen – und ein Gewinn für Menschen wie für Unternehmen. 
 

Foto: meine Gesprächspartner vom Annotation-Team von Kapsch-TrafficCom 

v.l. Martin, Angelo, Daniel, Julian, Kadir und mit dem Mikrofon Sandra 

Copyright: Kapsch TrafficCom AG

Episode Transcription

Sandra Knopp [00:00:00] Herzlich willkommen, sagt Sandra Knopp. Wir wünschen Ihnen allen einen guten Start in das Jahr 2026. In unserer Podcastfolge zum Jahresbeginn kommen Menschen zu Wort, die sich in verschiedenen Bereichen für berufliche Inklusion engagieren bzw. die auf den Alltag und die Bedarfe chronisch kranker Menschen aufmerksam machen. Im ersten Beitrag geht es um das Leben von Menschen mit ME-CFS. Darüber informieren Astrid Edinger von der WUK Arbeitsassistenz und Verena Hackl von der Medizinischen Universität Wien. Verena Hackl, sie ist vom Grundberuf Physiotherapeutin und Wissenschaftlerin an der Meduni, erklärt, wie sie beruflich mit ME-CFS in Berührung gekommen ist. 

 

Verena Hackl [00:00:40] 2020, vor der Pandemie, war es mir überhaupt kein Thema, weder durch die Ausbildung noch durch irgendeinen klinischen Kontakt. Und es war dann ab den 2020er Jahren, dass ich Leute im Umfeld hatte aus dem Leistungssport, die nach einer Infektion nicht mehr gesund wurden. Und auch ehemalige Studienkolleginnen, da hat mich dann das Thema zunehmend interessiert. Ich habe mich mehr damit befasst, mehr eingelesen und ja, bin davon dann nicht mehr weggekommen. 

 

Sandra Knopp [00:01:05] ME-CFS ist in der breiten Öffentlichkeit als eine mögliche Folge von Long Covid bekannt. Was hat es mit den beiden Begriffen auf sich? 

 

Verena Hackl [00:01:14] Also prinzipiell Long-Covid bezeichnet die Langzeitschäden einer SARS-CoV-2-Infektion. Aus so einer Infektion kann schon ME/CFS resultieren, also myalgische Encephalomyelitis, chronisches Fatigue-Syndrom. Muss es aber nicht. MECFs kann auch von anderen viralen oder bakteriellen Erregern resultieren und weiteren Ursachen, die in der Literatur beschrieben sind. Das sind halt die häufigsten. Und Long-Covid muss nicht automatisch ME/Cf sein. Das können auch andere Langzeitfolgen sein, wie zum Beispiel - wenn ich jetzt länger eine Geruchsstörung oder eine Geschmacksverminderung hätte, wäre das auch Long Covid. 

 

Sandra Knopp [00:01:48] Astrid Edinger ist Psychotherapeutin in freier Praxis und in der Projektleitung der WUK Arbeitsassistenz. Auch sie hat sich in den letzten Jahren mit dem Krankheitsbild auseinandergesetzt. 

 

Astrid Edinger [00:01:58] In der Arbeitsassistenz ist es ja so, dass ich eine spezialisierte Beratung anbiete für vor allem Jugendliche und junge Erwachsene auch mit chronischen Erkrankungen. Und ich es ein Stück weit auch als unseren Auftrag sehe, auch über diese Art der Erkranung eben zumindest Bescheid zu wissen und für den Fall, dass Personen sich eben an uns wenden und um Unterstützung ersuchen,  mit einem gewissen Vorwissen in die Beratungen gehen kann. 

 

Sandra Knopp [00:02:24] Das Schwierige daran, zu einer Long-Covid-Diagnose zu kommen, ist die Vielzahl an Symptomen, die auftreten können, sagt Verena Hackl. 

 

Verena Hackl [00:02:31] Also für das Post-Covid-Syndrom gibt es durch die WHO schon klinische Richtlinien, dass man hier dann zu einer klinischen Diagnose kommen kann. Es ist nicht leicht. Es gibt Symptome, die auch woanders auftreten können. Ein Symptom, und das ist auch das Kennmerkmal von ME/CFS, ist diese Zustandsverschlechterung nach Belastung, diese Post-Exertional-Malaise. Betroffene sagen auch oft Crash dazu umgangssprachlich. Und das ist etwas sehr Charakteristisches für die Erkrankung ME/CFs. Das kann man dann schon über Fragebögen abfragen beziehungsweise über Konsensuskriterien, die zur Diagnose dienen und auch im wissenschaftlichen Setting gibt es Messungen, wo man dann wirklich pathophysiologische Auffälligkeiten nachweisen kann, die aber nicht jetzt in der breiten Diagnostik, also ich sage jetzt bei einem Hausarzt oder so gemacht werden. 

 

Sandra Knopp [00:03:18] Andere Symptome können Wortfindungs- und Konzentrationsstörungen sein oder dass sich die Symptome beim Stehen oder Aufsitzen verschlimmern. In der Therapie von ME-CFS-Patientinnen und Patienten geht es darum, die verfügbare Energie sehr bewusst zu managen. Das nennt sich Pacing. 

 

Verena Hackl [00:03:35] Pacing ist vielleicht manchen ein Begriff aus dem Sportbereich, weil da kennt man es ja auch. Also es geht darum, die Leistungsfähigkeit, die Energien einzuteilen. Und hier ist es nichts anderes bei diesen Krankheitsbildern. Es ist im Grunde keine kausale Therapie, sondern es ist ein Energiemanagement, ein Krankheitsmanagement. Das heißt, die vorhandene Energie, die da ist, die teilt man sich so ein und passt an seine Leistungsgrenzen an, dass man nicht darüber kommt, sodass es eben nicht zu einer Verschlechterung kommt. Kann man sich ein bisschen vorstellen, wie ein Bankkonto, wenn ich da Geld drauf habe. Ich kann nur so viel ausgeben, weil drauf ist, nicht mehr. Und so verhält er sich mit der Energie. Und was halt das Schwierige dabei ist, der Zustand der Betroffenen kann fluktuieren. Manchmal weiß man warum oder kann Trigger ausmachen, manchmal eben nicht. Und das macht es eben schwierig, seine Energieausgaben an das halt anzupassen. Weil ja, oft kommt das Leben dazwischen und wir alle haben Anforderungen oder müssen gewisse Rollen erfüllen und wo es eben dann schwierig wird. 

 

Sandra Knopp [00:04:30] Psychotherapie kann diesen Prozess unterstützen, erklärt Astrid Edinger. 

 

Astrid Edinger [00:04:34] Betroffene in der Krankheitsbewältigung zu begleiten, gerade das Pacing auch zu unterstützen, das schon erwähnt wurde, auch als Strategie, das Krankheitsmanagement, was schwer genug ist für Betrofferne, weil wir ja immer auch das Thema haben, oder meistens der Antrieb ist ja nicht das Problem, also die Leute wollen dann was tun, sind oft sehr engagierte Leute, die arbeiten wollen, also gerade wenn wir hier das Thema berufliche Inklusion ja auch haben. Es gibt Personen, die nicht so stark betroffen sind, die durchaus arbeiten können, wenn sie die nötigen Voraussetzungen dazu haben. Aber trotzdem immer zu schauen, dass man jetzt seine eigene Belastungsgrenze nicht überschreitet, klingt einfacher als es ist. Und das ist zum Beispiel etwas, was in der Psychotherapie auch gut unterstützt werden kann. 

 

Sandra Knopp [00:05:18] Eine Möglichkeit ist es, eine Art Tagebuch zu führen, um Trigger für die Überanstrengung zu identifizieren und die Aktivitäten dementsprechend anzupassen. Pacing ist eine Grundlage für eine mögliche Verbesserung. Allerdings kein Garant gibt Verena Hackl zu bedenken. All jene, die in der Arbeit nachgehen können, brauchen die passenden Unterstützungsangebote. Astrid Edinger von der WUK Arbeitsassistenz über die verschiedenen Möglichkeiten: 

 

Astrid Edinger [00:05:42] Ein Jahr kostenlose Begleitung und das, was wir auch bei anderen Beeinträchtigungsarten immer wieder tun, ist eben sehr niederschwellig zu begleiten und auch zum Beispiel Online-Termine möglich zu machen, diese Dinge. Und  ganz generell, dass wir sowohl bei der Arbeitsplatzsuche unterstützen können, als auch beim Arbeitsplatzerhalt. Das ist unser Ziel, das ist unsere Mission und das ist natürlich superschön, wenn das gelingt. 

 

Sandra Knopp [00:06:11] Helfen können auch flexible Arbeitszeitmodelle. 

 

Astrid Edinger [00:06:13] Also das haben wir auch im Bereich psychische Erkrankungen, aber eben auch natürlich im Bereich chronische Errankungen. Also wo eben Energie auch ein Thema ist und vor allem auch Erholungsphasen wichtig sind. Oder eben auch eine gewisse Flexibilität, falls mal ein Tag dabei ist, wo es einem nicht so gut geht. Also da haben wir gerade im Bereich Lehre, weil wir ja Jugendliche und junge Erwachsene haben, da ist Lehre halt ganz oft ein Thema, wo es gar nicht so einfach ist, Betriebe zu finden, die eben auch ein Teilzeitlehre anbieten, was es ja durchaus gibt. Also von Gesetz wegen gibt es diese Möglichkeit, aber in der Praxis erleben wir oft, dass das gar nicht so einfach ist. Aber wenn es möglich ist, also ich sage auch nicht, dass es nicht geht, sondern wir haben durchaus auch Erfolgsstories, wo Betriebe sagen, gut, wir machen eine Teilzeitlehre, wir stellen um, dass die Betroffenen wirklich große Erleichterungen erleben, weil sie dann zum Beispiel einfach ein bisschen längeres Wochenende haben oder kürzere Arbeitstage haben und das wirklich schon viel Entlastung bringt. 

 

Sandra Knopp [00:07:09] Ob die Betroffenen mit ihrem Arbeitgeber über ihre Erkrankung sprechen, bleibt ihnen überlassen. Manchmal kann es Sinn machen, etwa wenn es um die Anpassung von Arbeitsplätzen geht. 

 

Astrid Edinger [00:07:20] Belastungsgrenzen zu kommunizieren oder zu sagen, ja, ich bin heute im Homeoffice, weil mir geht es nicht gut, aber ich kann was tun, aber ich bleibe halt lieber zu Hause. Also von dem her ist es, sagen wir mal, im besten Fall schon auch gut und wichtig, wenn der Arbeitgeber die Arbeitgebeberin Bescheid weiß und im besten Fall eben auch gewisse Flexibilitäten ermöglicht, weil das längerfristig gesehen Arbeitsfähigkeit ermöglicht bzw. es begünstigt, dass die Arbeitsfähigkeit erhalten bleibt, wenn eben dieses Pacing auch im Bereich der Arbeit möglich ist. 

 

Sandra Knopp [00:07:51] Die chronische Erkrankung lässt sich zu den unsichtbaren Behinderungen zählen, mit gravierenden Folgen für die Betroffenen. Verena Hackl sagt:

 

Verena Hackl [00:07:59] Ihnen wird nicht geglaubt, es wird verharmlost. Man sieht es den Betroffenen oft nicht an. Beziehungsweise, wenn sie milder betroffen sind, an guten Tagen versuchen sie am Leben teilzuhaben und sind unterwegs und dann sieht man sie und denkt, okay, denen geht's eh gut. Wenn es den Betroffenen schlecht geht, dann zeigen sie sich nicht. Dann sind sie wahrscheinlich irgendwo zu Hause isoliert, versuchen ihre Kräfte wieder zu sammeln, zu regenerieren, sich zu erholen. Also es ist nicht so, dass man da jetzt sehen würde, wie bei jemand anderem zum Beispiel irgendeine Gehstörungen oder so, also halt im Bereich der invisible disabilities. Wenn sie dann doch schwerer betroffen sind, das ist ja eine Spektrumserkrankung, so dass sie zum Beispiel dann ans Haus gebunden oder Bett gebunden sind, dann sieht man sie gar nicht mehr und sie verschwinden von der Bildfläche. Und das ist auch so ein Thema, dass sie unsichtbar werden. 

 

Sandra Knopp [00:08:46] Wie sieht die Versorgungslage für die Betroffenen derzeit aus? 

 

Verena Hackl [00:08:50] Wenn man sich jetzt wirklich die Lage für die Betroffenen ansieht, für die Patientinnen und Patienten, muss man leider sagen, dass es aktuell keine Versorgungsstrukturen gibt. Es gibt keine Ambulanz, es gibt keine Station, es gibt keine Abteilung dafür. Es geht im niedergelassenen Bereich private Ärztinnen, Therapeutinnen, die mit den Betroffen arbeiten, aber natürlich nur einen Teil abfedern können. Ja, hier gibt es doch mittlerweile ein Netzwerk an Betroffenen, Leute aus dem Gesundheitswesen, aus dem Forschungsbereich, die sich dafür einsetzen, dass diese Strukturen eben implementiert werden. Und von der Forschung her, ja, das läuft an. Ist wahrscheinlich im Vergleich zu, wie es vor zehn Jahren war, deutlich besser, weil jetzt etwas passiert, aber auch hier ist noch Luft nach oben. Also wenn man sich ansieht, wie viele betroffen sind, wie hoch die Krankheitslast ist, dass es keine kurative Therapie gibt, keine kurativer Behandlungsmöglichkeit, wäre wünschenswert, wenn das hochgefahren wird. 

 

Sandra Knopp [00:09:47] Derzeit ist die Forscherin von der MedUni Wien an einem besonderen Projekt beteiligt. 

 

Verena Hackl [00:09:51] Genau, es laufen mehrere Projekte, unter anderem auch von der WE&ME Foundation, gesponsert durch die Familie Ströck und den Wiener Wissenschafts- und Technologiefonds. Ein Projekt, an dem ich selber beteiligt bin.  Das ist eine qualitative Studie und hier wird quasi die Lebensrealität von schwer und schwerst Betroffenen erhoben, weil wir im Grunde über diese Gruppe kaum etwas wissen, weil sie unter dem Radar des Gesundheitswesens fliegen. Und nicht nur geht es darum, dass die Situation erhoben wird, sondern auch, was ist der dringendste Handlungsbedarf? Also wo müssen wir am schnellsten ansetzen, damit diese Leute auch zu einer Art der Versorgung kommen? Und das wird wahrscheinlich nicht vor Ort in einem Krankenhaus sein, sondern da geht es dann darum, Versorgung zu Hause zu ermöglichen, in ihren vier Wänden. 

 

Sandra Knopp [00:10:36] Für die Betroffenen wünschen sie sich Folgendes. Zuerst Astrid Edinger und dann Verena Hackl. 

 

Astrid Edinger [00:10:42] Was ich mir wünsche, ist natürlich, dass Forschung voranschreitet, dass davor noch Forschung finanziert wird im ausreichenden Maße und dass Versorgung sichergestellt wird, dass Betroffene Unterstützung bekommenn. Und die Verena hat schon erzählt, dass das jetzt momentan noch in sehr geringem Ausmaß vor allem auch niederschwellig zugänglich ist. Also da auch mehr Kassenärztinnen und Ärzte zu finden und so weiter, das wäre natürlich eine tolle Sache. 

 

Verena Hackl [00:11:12] Ja, ansonsten was ich mir wünsche, dass unsere Anstrengungen, die wir jetzt unternehmen, letztendlich bei den Betroffenen ankommen und zwar spürbar, dass für sie eine Verbesserung eintritt. Und ansonste kann ich es eigentlich nur so zusammenfassend sagen, wie es von der österreichischen Gesellschaft für ME/CFS immer wieder gesagt wird, Aufklärung, Versorgung, Forschung. 

 

Sandra Knopp [00:11:31] In unserem zweiten Beitrag geht es um künstliche Intelligenz. Die KI verändert gerade die Arbeitswelt. Oft wird darüber gesprochen, welche Jobs verschwinden. Weniger bekannt ist, dass dadurch auch neue Tätigkeiten entstehen, gerade für Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Welche Chancen sich im Bereich des KI-Trainings eröffnen und warum Menschen im Autismus-Spektrum dabei eine wichtige Rolle spielen können, darum geht es im nunfolgenden Beitrag. 

 

Julian Kühlschweiger [00:11:56] Also die Annotation besteht darin, die künstliche Intelligenz, die Kameras so zu trainieren, dass sie die Fahrzeuge erkennen. Also hier zum Beispiel Car, Bicycle, Person oder Truck, dann gibt es auch Flags, z.B. Wie viele Achsen der LKW hat und wie viele davon gehoben sind oder auch Lieferwägen, Commercial Vehicles, es ist alles in Englisch, ich habe es aber zum Glück vorgeübt, somit weiß ich die ganzen Begriffe. Auch über 2 Meter hohe Fahrzeuge. Werden extra annotiert. Da wird extra ein Hakerl dazu gegeben. 

 

Sandra Knopp [00:12:29] Julian Kühlschweiger arbeitet seit etwas mehr als einem Jahr im Annotationszentrum von Kapsch TrafficCom. Auf diese Tätigkeit aufmerksam geworden, ist er durch einen Bekannten, der ihm einen Artikel über inklusive Arbeitsplätze in der Datenverarbeitung für KI gezeigt hat. 

 

Julian Kühlschweiger [00:12:45] Also zunächst habe ich mal eine Arbeitsassistenz gebraucht, die die ganzen Amtswege erledigt, weil das lief ja übers AMS, dieses sogenannte Arbeitstraining für Menschen mit Beeinträchtigung, mindestens 50 Prozent. Dann hatte ich so eine Trainingsstation und war auch bei einer Infoveranstaltung bei der Arbeitsassistenz und habe dann gesehen, dass erstellen solcher Bounding-Boxen. 

 

Sandra Knopp [00:13:07] Wie schaut so ein Arbeitstag aus bei dir? 

 

Julian Kühlschweiger [00:13:11] Also ich bin täglich von 8 Uhr bis 16: 30 da ich komme auch immer früher, meistens schon um halb acht. Das habe ich mir angewöhnt, weil letztes Jahr, wie ich begonnen habe, war das schwere Hochwasser, was weite Teile der U-Bahn lahm gelegt hat. Deshalb habe ich es mir auch angewöhnt, so früh zu kommen. Außerdem setzt dann der Schülerverkehr ein und dann werden die Öffis störanfälliger. 

 

Sandra Knopp [00:13:34] Kapsch TrafficCom hat 2019 mit dem Responsible Annotation Team gestartet. Dabei geht es darum, Daten für künstliche Intelligenz zu markieren und zu beschriften, also KI zu trainieren. Diese Arbeit nennt man Annotieren. Menschen aus dem Autismus-Spektrum oder anderen Beeinträchtigungen bringen oft Stärken mit, die für die Annotation sehr gut passen. Angelo Grabl erzählt, dass eines seiner Begabungen im Erkennen von Details liegt. 

 

Angelo Grabl [00:14:00] Da die Bilddaten tatsächlich nach unseren Regelungen sehr ins Detail gearbeitet werden - von Stoßstangen, die nur 20-30 Pixel sind, die man wirklich gar nicht erkennen kann, bis zu Sachen, die tatsächlich vor der Kameraposition einfach im Fernsehen sind, so 200 Meter, wo wirklich ein Mensch quasi so eine Ameise wird auf einem Computer-Screen. Solche Sachen sind halt mein Vorteil. 

 

Sandra Knopp [00:14:24] Zu Angelos Aufgaben gehört neben dem Annotieren auch das Validieren, also die Prüfung von Annotationen auf Richtigkeit und Vollständigkeit. Martin Hartl gehört zu jenen, die das Projekt von Anfang an begleiten. Früher war er beim Verein Income Geschäftsführer und Projektleiter der Jugendarbeitsassistenz. Als solcher war er in unserer ersten Podcastfolge 2020 zu Gast. Nun arbeitet er beim Verein Responsible Annotation, den er mitbegründet hat. Er blickt auf die Anfangszeiten des Projekts bei Kapsch TrafficCom zurück. 

 

Martin Hartl [00:14:55] Es ist halt viel, viel Datenarbeit und das können Techniker, Technikerinnen oft nicht selber leisten, weil das halt so die Grundlage ist und es reichen eben nicht drei Bilder, dass man herzeigt, okay, und so schaut ein Auto aus, sondern man braucht tausende von Bildern und das ist einfach eine irrsinnige, große Arbeitsleistung, die man braucht. Und wie gesagt, der Markus Wurm hat dann die Idee gehabt, okay wenn es da Jugendliche gibt, die kaum Jobs finden, schon gar nicht im IT-Bereich, dann schauen wir mal, ob es ihnen taugt. Erstens und zweitens schauen wir, ob das für Kapsch TrafficCom wirklich auch so wirtschaftlich interessant ist, dass man sagt, okay, diese Daten können wir gut brauchen und erzielen dadurch für unsere Mautsysteme eine hochqualitative KI, die für uns arbeitet. Und beides hat sich dann bewahrheitet. 

 

Sandra Knopp [00:15:38] Dabei stellte sich heraus, dass diese Arbeit besonders für Menschen im Autismus-Spektrum interessant ist. 

 

Martin Hartl [00:15:44] Leute, die sehr, sehr gescheit sind, aber sich dann halt trotzdem oft auch schwer tun, in Firmen reinzukommen, weil sie halt mit dem sozialen Druck teilweise nicht mitkommen oder halt andere Hürden sind im Bewerbungsprozedere. Aber wir haben nicht nur Menschen im Autismus-Spektrum, sondern wir wollen da keine Behinderungsarten ausschließen, sondern es geht wirklich so nach den Kompetenzen, die wir suchen, dass jemand sehr detailgenau arbeiten kann und was sehr gut wahrnimmt, sich Regeln sehr gut merkt, sich an Strukturen gut halten kann. Und halt auch diese Monotonie, weil es ja so viele Daten sind, das gut aushalten kann oder das ihm sogar Spaß macht. 

 

Sandra Knopp [00:16:18] Ein Set durchzuarbeiten, das im Schnitt 100 Bilder umfasst, dauert meist mehrere Tage. Die Fotos zeigen Straßen in verschiedenen Regionen der Welt. Julian erzählt, dass er beim Arbeiten einen Kopfhörer trägt, weil es ihm hilft, nebenbei Musik oder Podcasts zu hören. Außerdem brauche er wie seine Kollegen regelmäßig kurze Pausen, damit die Konzentration am Bildschirm nicht nachlässt. Er kommt auch gerne wegen seiner Kollegen, mit denen er das Büro teilt, in die Arbeit. 

 

Julian Kühlschweiger [00:16:43] Also mir macht es jedenfalls großen Spaß. Dann die Teamarbeit, wie man hier sieht, funktioniert sehr gut bei uns. Das ist ja heutzutage überhaupt nicht mehr selbstverständlich so etwas. Da funktioniert es einfach wirklich sehr gut. 

 

Sandra Knopp [00:16:56] Was gefällt dir denn so mit den Kollegen? Was macht ihr gerne? 

 

Julian Kühlschweiger [00:16:59] Wir gehen uns gemeinsam einen Kaffee holen und manchmal gehen wir auch ein Döner essen am Freitagnachmittag. 

 

Angelo Grabl [00:17:04] Ich würde das Team beschreiben als angenehm, als sehr talentiertes Team. Wir haben alle unsere Sparten, in denen wir uns wirklich reinversetzen können. Unsere Inselbegabungen, das womit wir uns individuell beschäftigen können, was unsere Talente sind, können wirklich hervorgehoben werden. 

 

Sandra Knopp [00:17:25] Sagt Angelo Grabl. Annotiert werden nicht nur Fahrzeuge, sondern auch Kennzeichen. 

 

Angelo Grabl [00:17:30] Die Kennzeichnernhaben auch bestimmte Regelungen. Das ist zum Beispiel die Syntax, das ist die Anordnung von Zeichen auf dem Kennzeichen von Zahlen, Highlights oder Buchstaben. 

 

Sandra Knopp [00:17:40] Aber das heißt, du musst auch viele  Kennzeichen kennen, oder? 

 

Angelo Grabl [00:17:43] Ja, es gibt eine Tonne Kennzeichen mit allen unterschiedlichen Sachen, die sind manchmal so minimal, das ist unglaublich. 

 

Sandra Knopp [00:17:54] Für das Annotieren gelten bestimmte Grundsätze, sagt Bernhard Schenkenfelder. Wie Martin Hartl gehört er zum Verein Responsible Annotation und arbeitet zudem beim Software Competence Center Hagenberg. 

 

Bernhard Schenkenfelder [00:18:06] Also wir sagen immer, das Annotieren selbst, ist eine sehr einfache Tätigkeit. Also man braucht ja nur mit der Maus, nur und Anführungszeichen natürlich, mit der Maus Rechtecke ziehen um diese Objekte. Schwierig wird es eher dann, wenn man sich die ganzen Regeln merken muss. Also man muss nicht nur Last-LKWs unterscheiden von PKW. Es gibt bei den LKW zum Beispiel ganz viele verschiedene Klassen. Bei diesen ganzen Reglen eben und auch wenn Objekte andere Objekte verdecken. Dann wird es schon sehr, sehr schwierig. 

 

Sandra Knopp [00:18:38] Und die Regeln, was wie gekennzeichnet werden muss, verändern sich stetig. Damit Angelo gut arbeiten kann, ist es für ihn wichtig, rechtzeitig über Änderungen informiert zu werden. 

 

Angelo Grabl [00:18:47] Ich brauch halt auch Informationen im Vorlauf, dass ich weiß, was ändert sich jetzt bei den Regelungen, weil wir haben ja unser Regelwerk, wo wir auch immer Änderungen vornehmen müssen, je nachdem was Datensätze sind, wo wir mit KI fokussieren müssen, etc. Ich möchte das halt imVorlauf schon wissen, damit ich mich halt schon ein bisschen leichter dran gewöhnen kann, was dann jetzt sich dort ändert. Also Veränderung braucht Zeit. 

 

Sandra Knopp [00:19:13] Martin Hartl beschreibt seine Tätigkeit in der Zusammenarbeit mit dem Annotationsteam so. 

 

Martin Hartl [00:19:18] Ich unterstütze eigentlich die Teamleitung bei der Koordinierung. Das heißt, wir haben viele Kontakte zur Technik. Die Technik kommt zu uns und will halt Projekte umsetzen. Und wir sind halt so, gemeinsam mit der Teamleiterin, mit der Beate Fabian, so das Bindeglied von Technik zum Annotations-Team, wo wir die Regeln besser aufbereiten eventuell oder halt die Zuständigkeiten vergeben, die Projektabwicklung organisieren usw. Und da unterstütze ich einfach. 

 

Sandra Knopp [00:19:44] Aus dem erfolgreichen Pilotprojekt von Kapsch TrafficCom hat sich im September 2022 ein eigenständiger gemeinnütziger Verein entwickelt mit dem Namen Responsible Annotation. Ziel ist es inklusive Arbeitsplätze im KI-Umfeld zu schaffen, speziell durch Datenverarbeitung und Annotition. Einsatzbereiche sieht Bernhard Schenkenfelder einige. 

 

Bernhard Schenkenfelder [00:20:04] Andere Anknüpfungspunkte oder andere Bereiche könnten uns wir vorstellen in der Datenarbeit insgesamt, zum Beispiel Finanzen oder so Rechnungen eingeben. Die Parallelen wären genauso Monotonieresistenz, Genauigkeit, Detailverliebtheit, in diese Richtung. 

 

Sandra Knopp [00:20:21] Martin Hartl ergänzt. 

 

Martin Hartl [00:20:22] In der Prinzip sind wir offen für alle Bereiche und wie der Bernhard eh angesprochen hat, also auch Banken und Versicherungen haben viele, viele Daten und gehören auch kontrolliert und gehören gut qualitativ aufbearbeitet vielleicht und da sind wir halt auch in Gesprächen schon gewesen, ob man da nicht auch ein neurodiverses Team   aufstellen kann. 

 

Sandra Knopp [00:20:39] Neben Julian sitzt sein Kollege Kadir Öztürk. Nach einem Schädel-Hirntrauma lebt er mit neurologischen Einschränkungen, etwa einer Gesichtsfeldeinschränkung. Er ist ein Supervisor, annotiert und validiert, prüft also die Datensätze. 

 

Kadir Öztürk [00:20:52] Und wir schauen, dass das konsistent ist. 

 

Sandra Knopp [00:20:55] Dass nichts vergessen wurde. 

 

Kadir Öztürk [00:20:57] Dass nichts vergessen wurde und dass nichts zu viel gemacht wurde. Also alles hat seine Grenzen. 

 

Sandra Knopp [00:21:04] Danach, gefragt, was er braucht, um die Arbeit gut machen zu können, fällt ihm ein Genussmittel ein. 

 

Kadir Öztürk [00:21:11] Erstens mein Kaffee! In der Produktionsschule wurde ich auch  der Kaffeemann genannt, weil ich viel Kaffee trinke, mindestens vier Häferl  am Tag und ich habe nebenbei Musik oder Comedy-Shows an. Die Comedy-Shoves, damit ich lache und halt nicht einfach so depressiv da bin, so ganz wie ein Roboter, sondern halt, dass mit etwas Freude. Positiver Mentalität. 

 

Sandra Knopp [00:21:44] Draußen ist es am Aufnahmetag sonnig, die Kollegen haben aber die Rollos heruntergezogen, denn das Arbeiten fällt ihnen im abgedunkelten Raum leichter. Martin Hartl erklärt, dass vieles im Arbeitsumfeld gar nicht so schwierig zu adaptieren ist.

 

Martin Hartl [00:21:57] Prinzipiell ist der Aufwand überhaupt nicht groß, also im Gegenteil, man müsste vielleicht ein paar Sachen aus den Büros rausräumen, damit sie entsprechend sind, weil je weniger Ablenkung da ist und die weniger Reize die Annotierer haben, desto besser können sie arbeiten und desto klarer können sie denken und das will man ja und das taugt ihnen auch am meisten. Also unsere Leute verdunkeln dann auch teilweise, damit sie auch noch weniger Licht haben und so, damit sich besser konzentrieren können. Was man braucht, ist aber das, was, glaube ich, jeder braucht, also gute Struktur und klare Kommunikation und klaren Abläufe und eine Sprache, die nicht viel ausschmückt, sondern das aufs Wesentliche bringt und ich glaube, das kann einem ganzen Unternehmen eigentlich helfen. 

 

Sandra Knopp [00:22:37] Bernhard Schenkenfelder wünscht sich, dass mehr Unternehmen auf die Potenziale von Menschen mit Behinderungen setzen. Auch beim Annotationsteam geht es in erster Linie nicht um die Beeinträchtigung, sondern um die Fähigkeit, Verkehrsbilder qualitätvoll zu annotieren. Last but not least stelle ich nun Daniel Oskar Daniel Kiciak vor. 

 

Daniel Kiciak[ 00:22:54] 29,5 Jahre alt, österreichischer Zivilist osteuropäischer Abstammung und erster eingetragener Annotierer bei Kapsch TrafficCom. 

 

Sandra Knopp [00:23:04] Und was machst du so? 

 

Daniel Kiciak [00:23:06] Annotiere, was hauptsächlich das Bearbeiten von Aufnahmen von Verkehr beinhaltet. Die Wahrnehmung von Fahrzeugen und Personen, die sich auf den Aufnahmen bewegen. 

 

Sandra Knopp [00:23:19] Und was macht dir am meisten Spaß am Job? 

 

Daniel Kiciak  [00:23:21] Wie auch erwähnt, die Rahmen anzupassen, damit die künstliche Intelligenz das besser wahrnehmen kann. 

 

Sandra Knopp [00:23:30] Im KI-Bereich liegen für Martin Hartl viele Chancen für Menschen mit Behinderung. Für die Zukunft wünscht er sich für Unternehmen wie Beschäftigte: 

 

Martin Hartl [00:23:37] Ja, halt einfach diese Chance ein bisschen zu sehen, dass man da in Österreich was Einzigartiges, Neues aufstellen kann. Dass man das regional abwickeln kann, KI-Modelle zu entwickeln, das ist halt extrem cool. Und wenn man es halt nicht selber aufstellen will, wie gesagt, es gibt das Annotationsservice, dass auch solche Leute beschäftigt und auch damit kann man das fördern. Ja, also es gibt diese zwei Wege, traue ich es mich das selber umzusetzen, da kann man dabei helfen, das braucht denke ich mal schon ein bisschen Mut, aber halt auch ein... Ja, da wollen wir dahinter stehen, das wollen wir aufbauen und für wen das noch zu früh oder zu viel ist, kann man es auch mit Annotationsservice halt auch machen, dass man sagt, ok, dann bestellen wir halt zumindest bei einer Firma, die halt wirklich sozial verantwortlich agiert und das cool umsetzt. 

 

Sandra Knopp [00:24:21] Das war dabeisein im Arbeitsleben – Chancen für alle. Den Podcast gibt es auf allen gängigen Podcast-Plattformen zu hören. Wenn Ihnen diese Folge gefallen hat, empfehlen Sie den Podcast doch gerne weiter, an Freunde und Freundinnen, Kollegen, Kolleginnen, Ihre Familie und allen, denen Inklusion am Herzen liegt. Abonnieren Sie uns, damit Sie keine Folge verpassen. Auf Wiederhören und bis zum nächsten Mal, sagt Sandra Knopp.