„Wir sind da!“ eine vierteilige Podcast-Serie über Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und Sichtbarkeit von Frauen mit Behinderungen
Wirtschaftliche Unsicherheit, Aufnahmestopps, steigender Druck in Unternehmen – und trotzdem braucht es Perspektiven für Mädchen und Frauen mit Behinderungen. Wie kann das gelingen?
Gerda Reiter, Projektleiterin des NEBA-Betriebsservice Key Account Tirol und Vorstandsmitglied von dabei-austria, berät Unternehmen zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen, chronischen und psychischen Erkrankungen.
Christina Spanner, Projektleiterin von „Jobfit für Mädels“ bei Innovia in Innsbruck, begleitet junge Frauen mit Beeinträchtigungen am Übergang von Schule in Beruf – in kleinen Gruppen, mit viel Empowerment und klarer Perspektive auf den ersten Arbeitsmarkt.
In dieser Folge sprechen wir darüber, warum Praktikumsplätze schwerer zu bekommen sind, weshalb Lehrstellen aktuell teils bessere Chancen bieten – und warum gerade jetzt mutige Unternehmen gefragt sind.
Gerda und Christina bringen auch konkrete Beispiele mit:
Eine junge Frau, die sich eigentlich „nur“ beworben hatte – und schließlich über einen kreativen Jobdesign-Prozess eine Teilqualifizierung in einer Bankzentrale begann.
Und eine zweite, die gleich mit zwei Stereotypen brach – und ihren Weg zur Berufskraftfahrerin einschlug.
Eine Folge über Selbstvertrauen, neue Blickwinkel, offene Betriebe – und darüber, wie aus Chancen echte berufliche Wege werden.
Fotocredit Gerda Reiter: Lisi Lehner für dabei Austria
Christiana Spanner: Innovia
Herzlich Willkommen, sagt Sandra Knopp. In den kommenden vier Podcastfolgen stelle ich Ihnen Frauen mit Behinderungen vor, die andere dabei unterstützen ihren eigenen beruflichen Weg zu finden. Sie erzählen von ihrem Lebensweg, wie sie Barrieren überwunden haben und wie sie wurden, was sie sind. Wir sprechen darüber, welche Rahmenbedingungen es braucht, damit mehr Frauen mit Behinderung einen Job finden und warum es gerade in wirtschaftlich angespannten zeiten einen inklusiven Fokus braucht.
Reiter: Gerda Reiter. Ich bin die Projektleitung vom Neba Betriebsservice Key Account in Tirol und wir beraten Unternehmen zum Thema Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen, chronischen und psychischen Erkrankungen im gesamten Bundesland. Das Projekt Neba-Betriebs-Service gibt es aber schon in allen neuen Bundesländern. Spanner: Mein Name ist Christina Spanner. Ich bin Projektleiterin von Jobfit für Mädels. Das ist ein Berufsvorbereitungsprojekt für junge Frauen. Wir sind in Tirol in Innsbruck bei Innovia und begleiten da junge Frauen im Alter zwischen 15 bis 24 am Übergang Schule, Beruf eben bei der Orientierung, sich vorzubereiten auf eine Berufsausbildung. Und arbeiten da in einem sehr geschützten Rahmen eben für junge Frauen mit Beeinträchtigungen in einer sehr kleinen Gruppe.
Das bedeutet acht bis zehn Teilnehmerinnen pro Durchgang. Gerda Reiter ist im Vorstand von dabei-Austria. Ihre Fachbereiche sind Erwachsene und Wirtschaft sowie Frauen mit Behinderungen. In der Podcastfolge „Inklusion statt Illusion“ aus dem Jahr 2025 hat sie von ihrem Lebensweg und dem Arbeiten mit einer chronischen Erkrankung erzählt. Christina Spanner arbeitet bei Innovia, einer dabei-austria Mitgliedsorganisation. In unserem Gespräch geht es darum, wie angesichts einer schwierigen wirtschaftlichen Lage und einem angespannten Arbeitsmarkt die Vermittlung von Mädchen und Frauen mit Behinderungen in den ersten Arbeitsmarkt gelingen kann.
Reiter: Ich würde schon sagen, dass wir jetzt sehr herausbringende Zeiten haben. Es kommt sehr auf die Branche an und den Arbeitsbereich. Aber es gibt schon Unternehmen, die sehr unter Druck stehen im Moment und eher einen Aufnahmestopp haben derzeit, beziehungsweise sogar in Richtung Personalabbau, Überlegungen anstellen. Aber es gib durchaus natürlich auch Arbeitsmöglichkeiten. Im Rahmen von Jobfit für Mädels sprechen wir natürlich von Ausbildungsplätzen. Da schaut die Situation auch nochmal anders aus, als bei Stellen für Erwachsene, würde ich sagen. Da muss man vielleicht auch nochmal differenzieren.
Aus meiner Sicht gibt es positivere Aussichten für Lehrlinge. Ich habe extra für den Podcast heute noch mal auf unsere Job-Börse geschaut. Wir schreiben ja auch Lehrstellen aus. Wir haben heute mit heutigem Stichtag sozusagen fünf Lehrstellen gerade offen. In unterschiedlichen Branchen. Also zwei Lehrstellen für den Bereich Drogistin, Bäckerin, Konditorin und Polsterin haben wir zum Beispiel auch offen. Also so Polstermöbel herstellen, was ein eher seltener Lehrberuf ist. Es kommt ganz drauf an.
Knopp: Und Christina, ich habe mir heute eure Website nochmal näher angeschaut und da steht drinnen, dass eben Frauen mit Lernschwierigkeiten, Frauen mit Behinderungen eben öfter in unqualifizierten Berufen arbeiten als ihre männlichen Kollegen und das Projekt Jobfit für Mädels sagt Schluss damit. Was sind denn so Perspektiven vielleicht, die die jungen Frauen bei euch mitbekommen oder in welche Bereiche kann es gehen?
Spanner: Wir arbeiten in der Berufsvorbereitung sehr viel dran, dass die jungen Frauen und unsere Teilnehmerinnen sich einfach weiterentwickeln in dem Bereich, dass sie einfach mehr Selbstvertrauen und Selbstsicherheit gewinnen. Also es ist schon oft bei jungen Frau mit Lernschwierigkeiten, mit Beeinträchtigungen, dass sie zu uns kommen und eigentlich auch gar nicht so das Zutrauen in ihre eigenen Kompetenzen oder Fähigkeiten haben. Weil aus dem Umfeld vielleicht auch oder aus der Umgebung geringere Erwartungshaltung vielleicht auch den Frauen gegenüber gezeigt wird. Dass einfach schon zu Beginn eher so klassische Geschichten kommen, etwas mit Kindern, etwas mit Tieren, Kosmetik, Friseurin, so in der Richtung. Und man muss schon auch sagen, es haben schon die jungen Frauen bei uns oft einmal eine relativ brüchige Bildungslaufbahn bisher auch. Also auch einfach schulische Kompetenzen, die noch ausgebaut werden müssen. Aber wir haben schon den Anspruch, dass wir einfach den Blickwinkel von unseren Teilnehmerinnen erweitern, dadurch, dass man einfach sehr viel über unterschiedlichste Berufsfelder informieren, aber ganz viel eben auch an den Themen Empowerment arbeiten, auch eben über gesellschaftliche Geschichten reden, politische Dinge. Und so können wir eigentlich beobachten, dass in der Zeit, wo sie bei uns teilnehmen, sie immer mehr Selbstvertrauen gewinnen, sich mehr zutrauen und dann durchaus auch in recht, ich sage jetzt mal, vielleicht eher untypischere Berufsbereiche reinschnuppern, auch mal auf den Bau gehen. Also wir haben jetzt das Jahr zwei Teilnehmerinnen gehabt, die eben in Richtung Malerei gegangen sind, eine mal als Elektrikerin. Praktikum oder Lehrgang zur Berufserprobung gemacht haben. Also das ist dann schon toll, was dann außen kommt und wie sie dann zurückkommen. Eigentlich mit viel selbstsicherer und von sich selber überrascht, was eigentlich alles geht und möglich ist und was sie alles können.
Die Mädchen im Projekt arbeiten 21 Stunden pro Woche konkret an ihren Berufswünschen. In der ersten Phase werden Stärken, Fähigkeiten und Interessen erhoben. Dann sammeln die Teilnehmerinnen praktische Erfahrung in Schnupperpraktika und in der dritten Phase geht es um die Qualifizierung für die gewünschte Ausbildung oder Arbeit. Schwerpunkte der Berufsvorbereitung sind neue Medien, Kulturtechniken und Grundbildung. Organisationen, die Jugendliche in Begleitung haben, erfahren unter anderem vom NEBA-Betriebsservice von freien Stellen, etwa von Unternehmen, die eine verlängerte Lehre oder Teilqualifizierung anbieten. Für heuer haben sich Gerda Reiter und ihre Kolleginnen und Kollegen folgendes Ziel gesteckt:
Reiter: Das wir vermehrt versuchen, Praktikumsstellen zu akquirieren. Wir hören sehr oft von Berufsvorbereitungen, von Jugendprojekten, dass die Firmen immer weniger bereit sind, Praktikum zu stellen, zur Verfügung zu stellen. Vor allem für jene Jugendlichen, die noch nicht am Übergang sind, in den Eintritt in die Lehrstelle, die eben noch am Ausprobieren sind, die noch am Schauen sind, am sich ausprobieren. Und da haben wir ein eigenes Info-Blatt erstellt, wo wir noch mal diese Vorteile zusammengefasst haben und das wir versuchen, den Unternehmen noch mal näher zu bringen. Dass es für sie eigentlich eine gute Möglichkeit ist, mal mit dieser Zielgruppe in Kontakt zu kommen, auch relativ unverbindlich über ein, zweiwöchiges Praktikum. Und andererseits die Jugendlichen einfach mehr Gelegenheiten haben, um Dinge ausprobieren zu können, draußen in der Wirtschaft.
Gerda und Christina haben auch Beispiele aus ihrem Berufsalltag mitgebracht. Sie erzählen von zwei jungen Frauen, die mit Jobfit ihren beruflichen Weg gefunden haben. Eine davon zog es in eine Bank.
Reiter:Ja, vielleicht kann ich starten. Die Ausgangslage war eigentlich, dass sich die junge Frau zunächst in demselben Unternehmen auf eine andere Stelle beworben hat, nämlich in einer Filiale, wo aber kein Ausbildungsplatz war. Das war schon eine Stelle für Personen, die schon entweder eine Ausbildung haben oder für Anlerntätigkeit. Und der dortige Filialeiter hat sich dann gegen diese junge Frau entschieden, hat aber gemeint, er finde das unheimlich schade, weil sie so engagiert ist. Und er würde ihr so gerne eine Lehrausbildung ermöglichen, aber in seiner Filiale ist es nicht möglich. Und deswegen fände er es sehr gut, wenn das doch in der Zentrale passieren könnte, wo einfach mehrere Arbeitsplätze sind. Und so haben eigentlich wir vom Betriebsservice dann in der Zentrale geschaut, ob man nicht dort wirklich so im Sinne eines Jobdesign-Prozesses eine Teilqualifizierung, es war zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz sicher verlängerte Lehre oder Teilqualifikation. Wirklich was schaffen kann, damit diese junge Frau einen wirklichen Ausbildungsabschluss machen kann. Ja, so ist es dann zustande gekommen. Sie hat dann dort ein Praktikum absolviert und man hat das Praktikum auch intensiv begleitet. Also da war dann das Jobcoaching involviert, damit man wirklich schauen kann, in welchen Tätigkeitsbereichen, was kann sie machen, was interessiert sie auch, wie kann man eigentlich für sie individuell es so zusammenstellen, dass die Teilqualifizierung eben gut passen kann? Das hat dann im Herbst letzten Jahres gestartet und funktioniert ganz wunderbar. Also diese Teilqualifikation läuft eben derzeit. Knopp: Und ihr habt mir ein zweites Beispiel genannt von einer jungen Frau, die eine Berufskraftfahrerin geworden ist. Da bricht man ja auch wieder mit Stereotypen.
Reiter: Genau, du sprichst das richtig an. Man bricht eigentlich gleich mit zwei Stereotypen. Ein Beruf, wo man eigentlich nicht dran denkt, dass das was ist für Menschen mit Behinderungen. Und eigentlich auch nicht ein Beruf, in dem man denkt für Frauen. Und die junge Frau hat sozusagen beides außer Kraft gesetzt. Sie hat von Hause aus viel Interesse in technische Themen gehabt und wollte unbedingt so einen Bereich kennenlernen. Ist irrsinnig fasziniert von Lkw-Fahren gewesen und ist dann zu einem Praktikum gekommen. Und die Firma war natürlich schon entsprechend auch ein bisschen sensibilisiert und informiert und war sehr offen und war interessiert und hat sich auf dieses Praktikum einlassen. Und im Zuge des Praktikums hat man dann gesehen, dass da irrsinnig viel Begeisterung da ist, dass viel Interesse am Thema da ist. Und es hat da natürlich schon eine ärztliche Abklärung gegeben, ob irgendetwas dagegen spricht, dass sie dann diesen LKW-Führerschein machen kann und als Berufskraftbauern arbeiten kann. Das Ergebnis war aber positiv, also da hat überhaupt nichts dagegen gesprochen und so ist es dann eben auch zu dieser Lehre gekommen.
Knopp: Christina, wie ist dir das in Erinnerung geblieben?
Spanner: Ja, also mir ist da einfach auch nur Erinnerung geblieben, dass es halt oft einmal so besonders nochmal wichtig ist, dass auch, wenn Betriebe auch offen sind für junge Frauen oder überhaupt Menschen mit Beeinträchtigungen und da ergibt sich oft einmal eben was aus einem Praktikum, aus einem gegenseitigen Kennenlernen auch, wo einfach dann jetzt mal ganz abgesehen von irgendwelchen Formalitäten, Zeugnisse, Das gibt es einfach auch. Die Teilnehmerinnen haben die Möglichkeit, ihre Begeisterung und ihre Kompetenzen in der Arbeitspraxis zu zeigen. Das kann ein sehr guter Türöffner sein für unsere Zielgruppe und was sich immer wieder sehr positiv erweist, wenn ein Unternehmen, das grundsätzlich offen ist, aber wo vielleicht doch nur Unsicherheiten sind. Wie kann denn das funktionieren, jemanden mit Beeinträchtigung in so einem Berufsfeld anzustellen? Wo muss man ein bisschen aufpassen? Was gibt es denn für Förderungen, wenn die wirklich auch eben wie das NEBA-Betriebsservice jemanden an der Seite haben, die mit ihnen die ganzen Prozesse auch durchgehen, weil dadurch beim Betrieb auch mehr Sicherheit da ist und sie dann einfach auch sich noch besser drauf einlassen, unterschiedlichsten Leuten die Chance zu geben, eine Berufsausbildung zu machen oder eine Anstellung zu erlangen. Also da sehen wir einfach, dass so dieses verzahnte Arbeiten an allen Seiten einfach wahnsinnig positive Ergebnisse erbringen kann.
Ein Schlüsselbaustein ist für Gerda Reiter die langfristige Begleitung der Teilnehmerinnen.
Reiter: was für Unternehmen wichtig ist, denke ich es noch einmal, dass wir dauerhaft Ansprechpersonen bleiben. Sollte zum späteren Zeitpunkt dann doch irgendeine herausfordernde Situation auftreten und jetzt Jobfit für Mädels darf ja dann nicht mehr begleiten, sobald die Vermittlung erfolgt ist, dann würden wir eben das Jobcoaching beiziehen oder die Arbeitsassistenz, oder je nachdem, welcher andere Fachdienst dann sozusagen hier in Frage käme. Aber die Unternehmen haben sozusagen die Garantie, es gibt immer jemanden, an den sie sich wenden können, sollten irgendwelche herausfordernden Situationen sein. Das gibt ihnen sehr viel Sicherheit und Selbstvertrauen, einfach bei dem Thema.
Wenn sich Unternehmen das erste Mal überlegen Menschen mit Behinderungen anzustellen, dann braucht es zu Beginn viel Aufklärungsarbeit – denn viele haben das Bild des Rollstuhlfahrers oder der Rollstuhlfahrerin vor Augen. Menschen mit Behinderung sind aber eine sehr heterogene Gruppe, sagt Gerda Reiter. Außerdem braucht es einen ressourcenorientierten Blick – mit dem Fokus, was diese Menschen mitbringen. Inklusion ist für die Tirolerin ein Prozess, der sich durch das ganze Unternehmen ziehen muss.
Reiter: Man darf Menschen mit Bindungen nirgends außen vor lassen. Das fängt bei der Weiterbildung an. Das geht über den Betriebsausflug, über die Kantine. Es muss also alles irgendwie zugänglich sein. Damit wirklich berufliche Teilhabe möglich ist. Und da versuchen wir einfach wirklich so das umfassend anzuschauen, eben wo steht das Unternehmen und was machen sie vielleicht ohnehin, selbstverständlich, ohne dass sie es so bezeichnen, und wo gibt es noch viel Luft nach oben, bevor man dann wirklich an die Vermittlung denken kann oder an die Besetzung von Stellen, weil mir ist lieber, dass man sich vorher ein bisschen Zeit nimmt und das Unternehmen entsprechend schon vorbereitet ist. Und dann Menschen mit Behinderungen entsprechende Rahmenbedingungen vorfinden, als wenn man zu schnell vermittelt, und dann gibt es auch gewisse Herausforderung.
Jobfit für Mädels gibt es bei Innovia schon seit dem Jahr 2013. Christina Spanner erklärt, wie sich die Zielgruppe verändert hat.
Spanner: Also bei Jobbit für Mädels, das kann man sagen, dass die Zielgruppe sich dahingehend verändert hat, dass jetzt, ich sag mal, Lernschwierigkeiten, Beeinträchtigungen nicht unbedingt allein, sag ich mal, primär im Vordergrund stehen, sondern dass es einfach zunehmend komplexer Unterstützungsbedarf auch erkennbar ist. Also es hat sich schon dahingehen verändert, dass wir beobachten, dass psychische Problematiken zunehmen auch bei den jungen Frauen. Und einfach auch andere Problemlagen wie eben belastende familiäre Situationen, Armutsgefährdung. Dadurch werden einfach die Lebenssituationen auch komplexer, sage ich mal. Und ja, das merkt man einfach auch bei den Teilnehmerinnen dahingehend, dass sie einfach auch nur mal weitreichendere Unterstützung teilweise brauchen. Also es ist zum Beispiel so, dass wir schon merken, dass so vernetztes Arbeiten auch mit unterschiedlichen anderen Unterstützungsangeboten, ob das jetzt Therapeutinnen sind oder ambulante Betreuungen oder was auch immer, nimmt da noch mal zu und von dem her ist schon anspruchsvoll natürlich. Knopp: Ihr habt es ja, glaube ich, Coaches, die die Teilnehmerinnen durch die gesamte Berufsvorbereitung begleiten. Wie schaut das konkret aus? Christina: Also bei uns hat jede Teilnehmerin ab dem ersten Tag, eigentlich ab dem ersten Schnuppertag, eine zuständige Coaching, die eben als Coaching sie dann durch die ganze Berufsvorbereitung begleitet. Da gibt es regelmäßig Coaching- Termine, wo man im Zweier-Setting sich genau anschaut, was ist die Situation, was seien denn schon vorhandene Interessen, wo liegen Stärken und Fähigkeiten. Wo sind vielleicht Herausforderungen und die planen dann auch gemeinsam, also die Teilnehmerin und die Coachin, eben die jeweiligen nächsten Schritte in der Berufsvorbereitung. Was gibt es als nächstes für Lerninhalte zu bearbeiten? Was ist als nächstes geplant? Lehrgänge zur Berufserprobung oder eben in der beruflichen Orientierung? Und ganz viel eben auch vernetztes Arbeiten, ob das jetzt mit einem familiären System ist, dass man Eltern einladet und da gemeinsame Termine macht oder eben auch ambulante Betreuungen, Therapeutinnen, dass man einfach in einem guten Netzwerk die Teilnehmerinnen begleiten kann.
Ein Thema, dass im Projekt Jobfit immer wieder vorkommt, sind Gewalt und Diskriminierungserfahrungen.
Spanner: Ja, also leider häufig muss man sagen, dass eben junge Frauen gerade mit Behinderungen sehr häufig einfach betroffen sind von Gewalterfahrungen oder Diskriminierungserfahrungen, also sowohl in der Schule, als auch im Umfeld. Das kann sein Mobbingerfahrung, sexualisierte Gewalt, aber eben auch subtilere Gewaltarten, also so dieses laufende Nicht-Erstnehmen, mangendes Zutrauen. Ausschluss aus unterschiedlichsten Settings, das kommt vor und führt auch schon bei den Teilnehmerinnen oder bei der Zielgruppe zu erhöhten psychischen Problematiken und sehr starken Rückzugstendenzen. Da ist einfach wichtig, dass man eben auch recht niederschwellig und mit sehr viel Beziehungsarbeit, da die jungen Frauen auch unterstützt und dass man Gewalt und Gewalterfahrungen thematisiert, also auch im Trainingssetting. Wir arbeiten viel auch eben in Kompetenztrainings daran, was ist Gewalt überhaupt, welche Gewaltformen gibt es, aber auch eben Frauenrechte, Menschenrechte. Also was hab ich überhaupt für Rechte? Und versuchen da auch unsere Teilnehmerinnen zu stärken und zu empowern, dass sie sich auch darüber trauen, darüber zu sprechen, das zu thematisieren und dann auch Unterstützung anzunehmen. Und da muss man sagen, ist schon so diese Rahmenbedingungen, wie wir es haben, bei Jobfit für Mädels wirklich sehr förderlich, weil wir einfach sehr individuell in einer sehr kleinen Gruppe arbeiten, eben ein geschlechtsspezifisches Angebot sein und sich da die TeilnehmerInnen bei diesen Thematiken auch wirklich besser öffnen können und dann auch gut Unterstützung annehmen können. Und da arbeiten wir natürlich dann auch wiederum mit unterschiedlichen Gewaltschutzeinrichtungen so zusammen. Hashtag Change zum Beispiel natürlich auch, also alle die Geschichten.
Knopp: Und wo sehr ihr jetzt, wenn wir so ein bisschen ein Resümee ziehen, Fortschritte in der Unterstützung von Frauen mit Behinderungen und was muss eigentlich noch getan werden? Vielleicht möchtest du anfangen, Gerda?
Reiter: Ich würde sagen, man merkt schon, dass sich Frauen mit Behinderungen öfter bewerben. Das liegt sicher unter anderem eben an diesen Empowerment-Angeboten, wie es Christina sagt. Ich finde schon, das Firmen auch offener sind in Bezug auf Menschen mit Behinderungen. Ich tue mir schwer, wenn ich sage, die Firmen sind offener gegenüber Frauen mit Behinderungen, weil unser Job ist es in den Unternehmen, dass die Firmen mal generell offen sind für die Zielgruppe Menschen mit Behinderungen und die Stellen ausschreiben für Frauen, Männer oder diverse Personen. Und wo wir dann einhaken können, ist, wenn ein Unternehmen jetzt zum Beispiel Frauen mit Behinderung, die sich beworben haben, nicht einladen würde. Wenn die Bewerbungen über uns laufen, dann könnte man da nochmal sensibilisieren oder nachhaken und das überprüfen und nachschauen, warum ist das denn so. Aber in der Regel ist es natürlich nicht so, dass wir jetzt speziell Stellen schaffen können für Frauen mit Behinderungen. Ich finde eben schon, um jetzt einmal etwas Positives dazu zu sagen, dass sich viele Unternehmen schon auf den Weg gemacht haben in den letzten Jahren und generell offener geworden sind für die Zielgruppe. Das mag auch an unterschiedlichen Entwicklungen geschuldet sein. Wir wissen alle, es gibt einen demografischen Wandel, wir haben einen Arbeitskräftemangel, einen Fachkräftemangel. Inklusion ist generell ein größeres Thema. Firmen wollen diverser werden, müssen auch divers werden. Also viele haben das jetzt schon verstanden. Sie müssen sich einfach auch an neuen Zielgruppen gegenüber öffnen. Deswegen finde ich schon, dass da einiges passiert, ist in den letzten Jahren. Aber es ist nicht so, dass wir sozusagen unser Ziel bereits erreicht hätten und die Arbeit ausgeht, sondern es besteht durchaus natürlich noch Bedarf. An Sensibilisierung, an Information und an Beratung und Begleitung der Unternehmen.
Spanner: Was ich auch wirklich noch mal unterstreichen muss, was die Gerda gesagt hat, Frauen müssen auch in die Situation gebracht werden, dass sie sich auch trauen, wirklich sich um Stellen zu bewerben. Also das merken wir schon auch, dass ein Angebot, wie wir eben Jobfit für Mädels, dass wir da unterstützen mehr in sich selber auch nochmal zu vertrauen, damit man auch sich bewirbt, damit man überhaupt erst einmal in eine Auswahlprozedere kommt. Also da stapeln Frauen und speziell Frauen mit Beeinträchtigungen doch im Vergleich zu den männlichen Kollegen ein bisschen tief und da müssen wir sicher noch gut weiterarbeiten. Ansonsten muss man sagen, was wir eh auch schon kurz angesprochen haben, Es braucht einfach auch wirklich Bandbreite an Angeboten. Also das ist schon etwas, was ich auch wichtig finde. Es braucht auch spezialisierte Projekte. Es braucht Sonderprojekte, die Lücken in der Angebotslandschaft schließen können. Das merken wir bei Jobfit für Mädels stark. Also wir sind wirklich ein Nischenangebot. Das aber für unsere Teilnehmerinnen wirklich sehr wichtig ist, damit sie auch den Sprung ins Berufsleben schaffen. Da braucht es einfach auch in der Schule, vor der Ausbildung, in der Ausbildung auf Unternehmensseite wirklich gute Angebote mit Expertise, die einfach von allen Seiten her gut unterstützen können, dann funktionieren die Geschichten auch sehr gut.
Knopp: Was wünscht ihr euch für die Zukunft? Wir haben es ja vorher eingangs schon erwähnt, das ist doch eine schwierige wirtschaftliche Situation, hohe Arbeitslosenzahlen, speziell bei Menschen mit Behinderungen. Was wünschts ihr euch die Zukunft oder euren Teilnehmerinnen?
Spanner: Jetzt wünsche ich mir eigentlich auch, dass es ein bisschen längerfristig gedacht wird. Also dass es nicht so kurzsichtig geplante Sparmaßnahmen oder Kürzungen jetzt auch gibt, weil man einfach sagen muss, das hat hinten aus ja auch zahlreiche Folgen. Wenn man jetzt in der Angebotslandschaft kürzt, dann werden Unterstützungen gekürzt. Dann werden die Eintritte ins Erwerbsleben einfach auch schwieriger machbar sein. Und das führt natürlich dann auch wieder zu gesteigerten anderen Kosten eigentlich auch.
Knopp: Das heißt, du wünschst dir da einfach mehr Weitsicht. Und Gerda?
Reiter: Diesen Wunsch kann ich natürlich teilen, ich sehe es wie die Christina, man sollte jetzt auf keinen Fall Strukturen irgendwie herunterfahren, weil es sehr schwierig ist sie wieder hochzufahren. Man sollte auf keinen Fall jetzt einsparen, die Unternehmensseite nicht mehr zu unterstützen, weil man darf nicht vergessen, eben Unternehmen sind in großen Wandlungsprozessen. Es verändern sich Recruiting-Prozesse, es verändern sich viele Dinge auch im Unternehmen. Da ist es sehr sinnvoll, dass man sowas wie Betriebsservice hat, die sozusagen in beiden Welten agieren kann und da diese Brücke bilden kann, Unternehmen immer wieder mitnimmt, aber auch im Bereich der Inklusionsfachdienste immer wieder mal dann Themen reinspielt, die die Unternehmen sehr beschäftigen. Wir brauchen gegenseitiges Verständnis. Wir müssen alle das Ziel haben, Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit zu geben, dass sie nachhaltige Beschäftigungsmöglichkeiten haben. Und insofern wünschen wir, dass eben die Angebote nicht gekürzt werden und die wünscht man von den Unternehmen, dass die standhaft bleiben, dass sie jetzt sozusagen das Thema Diversität, Inklusion nicht von ihrer Agenda nehmen, sondern dass sie dranbleiben und eben auch diese Weitsicht haben, wie es die Christina genannt hat, weil wenn jetzt vielleicht einmal wirtschaftlich eine schwierigere Zeit ist, Inklusion ist einfach ein wichtiges Zukunftsthema. Ich glaube viele Unternehmen haben das verstanden und ich wünsche mir, dass es noch mehr Unternehmen werden, die das verstehen und das ist immer unser Ziel, auf das wir hinarbeiten.
Sandra: Das ist ein schönes Schlusswort. Dann danke ich euch einmal für das Gespräch. Danke schön.
Das war Teil3 einer vierteiligen Serie mit dem Titel „Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und Sichtbarkeit“ – über berufliche Wege von Frauen mit Behinderungen. In den nächsten Tagen hören Sie weitere Porträts, darin geht es um das Studieren mit Behinderung, persönliche Assistenz und das Arbeiten mit einer chronischen Erkrankung. Vielen Dank fürs Zuhören! Das war „dabei sein im Arbeitsleben – Chancen für alle“ Den Podcast gibt es auf allen gängigen Podcastplattformen zu hören. Wenn Ihnen berufliche Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung wichtig ist, dann teilen Sie bitte diese Podcastfolge – mit ihren Familien, mit Freund:innen, mit Kolleg:innen und allen, denen Inklusion am Herzen liegt. Abonnieren Sie den Podcast, damit Sie keine Folge verpassen. Mehr über die Forderungen von dabei-austria an die Arbeitsmarktpolitik lesen Sie unter dabei-austria.at Auf Wiederhören und bis zum nächsten Mal, sagt Sandra Knopp.