„Wir sind da!“ eine vierteilige Podcast-Serie über Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und Sichtbarkeit von Frauen mit Behinderungen
In den kommenden vier Podcastfolgen stelle ich Ihnen Frauen mit Behinderungen vor, die andere dabei unterstützen ihren eigenen beruflichen Weg zu finden. Sie erzählen von ihrem Lebensweg, wie sie Barrieren überwunden haben und wie sie wurden, was sie sind. Wir sprechen darüber, welche Rahmenbedingungen es braucht, damit mehr Frauen mit Behinderung einen Job finden und warum es gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten einen inklusiven Fokus braucht.
Sie ist Dame in einem Ritterorden, sie wurde vor kurzem mit dem Bregenzer Frauenpreis ausgezeichnet– und sie hat sich das Autofahren nicht ausreden lassen. Viele hätten ihr das aufgrund ihrer Körpergröße nicht zugetraut. Karin Stöckler ist seit 2009 Präsidentin des ÖZIV-Vorarlberg. Im Gespräch, das wir auf der ZERO-Conference 2026, in der UNO-City aufgenommen haben, erzählt sie von ihrem Aufwachsen im "Ländle" und wie sie Inklusion in der Schulzeit erlebt hat, wie es dazu kam, dass sie an der Spitze einer Interessensvertretung steht und wie sie sich nach einem schweren Unfall wieder zurück kämpfte. Wir sprechen darüber, warum Selbstbestimmung kein Luxus ist, weshalb Sparmaßnahmen sie auf die Barrikaden bringen – und warum man Frauen mit Behinderung niemals unterschätzen sollte.
Herzlich Willkommen, sagt Sandra Knopp. In den kommenden vier Podcastfolgen stelle ich Ihnen Frauen mit Behinderungen vor, die andere dabei unterstützen ihren eigenen beruflichen Weg zu finden. Sie erzählen von ihrem Lebensweg, wie sie Barrieren überwunden haben und wie sie wurden, was sie sind. Wir sprechen darüber, welche Rahmenbedingungen es braucht, damit mehr Frauen mit Behinderung einen Job finden und warum es gerade in wirtschaftlich angespannten zeiten einen inklusiven Fokus braucht.
Karin Stöckler: Wie war das als Sie den Führerschein machen wollten? Was haben Ihnen Leute gesagt, als sie gesagt haben, ich möchte ein Auto fahren? Das hat sich so ergeben, dass meine Cousine und die ist gleichzeitig meine beste Freundin, die Monika, gesagt hat, sie macht einen Führerschein. Und dann hab ich gesagt: „Das mach ich jetzt auch!“ Also sogar meine Eltern, die mich wirklich im unterstützt haben, haben gesagt, na Karin, also jetzt haben wir unsere Grenzen erreicht. Dann sage ich – nein das schaff ich. Ja, ich hab's geschafft. Ich musste dann eben zuerst zum Vertrauensarzt gehen in der Bezirkshauptmannschaft. Der musste sein Okay geben, ob ich körperlich dazu in der Lage bin. Dann musste ich zum Sachverständigen gehen, zum Technischen. Der war ein bisschen skeptisch. Da hat dann dieser Amtsarzt für mich Fürsprachen gehalten. Dann mussten wir ein passendes Auto suchen, wo ich durch meine Kleinwüchsigkeit eben hinein komme, aber auch eine Sitzhöhenverstellung, damit ich hoch genug fahren kann. Haben wir alles gefunden und dann kam Fahrschule. Also mein Fahrlehrer, ich bin in meinem umgebauten Auto gefahren. Ich hab dann die Fahrschule gemacht, mein Fahrlehrer hatte nur die Handbremse zur Verfügung. Aber ich hab's geschafft.
Mod: Das Autofahren beschreibt meine Gesprächspartnerin Karin Stöckler als ein Gefühl der Freiheit und der selbstbestimmten Mobilität. Nach einem Sturz im Jahr 2024 schien das lange nicht mehr möglich. Mithilfe einer Orthese, einer stabilisierenden Armschiene, kann sie aber inzwischen wieder selbst fahren. Einen Führerschein zu haben kann die Jobchancen erhöhen, aber es braucht mehr. Seit 2009 ist Karin Stöckler Präsidentin des ÖZIV Vorarlberg. Die aktuell schwierige Wirtschaftslage und die hohen Arbeitslosenzahlen unter Menschen mit Behinderung machen ihr große Sorgen.
Stöckler: Ja, warum trifft es immer Menschen mit Behinderungen? Also es sind immer wir, die so an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Knopp: Was würden Sie sich da wünschen? Stöckler: Noch mehr finanzielle Unterstützung, mehr Spielraum und dass man auf keinen Fall irgendwelche Projekte einstellt und nicht mehr weiter fördert. Das kann es nicht sein, dass es immer in diesem Bereich, also ich empfinde es einfach so, dass wir im sozialem Bereich Einsparungen machen müssen. Es ist kein Luxushilfsmittel zu bekommen, es ist kein Luxus, ein Selbstbestimmtes Leben zu bieten, sondern ist es ein Menschenrecht und das muss einfach klar werden. Wir haben die UN-Konvention, Österreich hat die UN-Menschenrechtskonvention für Menschenbehinderungen im Jahr 2008 ratifiziert und sie sind dazu verpflichtet, Menschen selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.
Mod: Über die konkreten Rahmenbedingungen, die es braucht damit mehr Frauen mit Behinderung im ersten Arbeitsmarkt beschäftigt sind, sprechen wir gleich. Zunächst geht es um Karin Stöcklers Werdegang.
Knopp: Und jetzt mal zu ihrer persönlichen Geschichte. Sie wurden 17. April 1968 in Bregenz geboren. Und nach ein paar Tagen erhielten ihre Eltern diese Diagnose, dass sie Glasknochen haben. Und damals hat man noch nicht so viel über diese Erkrankung gewusst. Und sie erzählen eben von den Frakturen und Schmerzen am Anfang ihres Lebens. Aber auch von einem unbändigen Forschungsdrang. Was hat es denn mit den Holzkrücken auf sich, die ihr Vater gezimmert hat?
Stöckler: Ja, die haben mir einen neuen Bewegungsradius gegeben. Das war ein Nachbar von mir, der war Querschnitt gelähmt, konnte aber mit Krücken laufen. Ich mit zweieinhalb Jahren habe das gesehen und zu meinem Papa, der Tischler war gesagt, Papa solche Krücken, wie der Onkel Heinz, will ich auch. Mein Papa ging in die Werkstatt und hat solche Krücke gemacht und ich kam nach Hause und ich habe sie probiert und bin gelaufen und das war so ein Wow-Effekt und seitdem bis auf jetzt halb durch diesen Umfall, bin ich mit Krücken gelaufen und das ist einfach Selbstständigkeit, vielmehr Selbstständigkeit pur, die ich jetzt natürlich sehr vermisse. Knopp: Was war der Vater für einen Beruf?
Stöckler: Tischler. Mein Vater war Tischler und darum war es natürlich nicht ganz klar, der Karin mache ich jetzt solche Krücken, Achselkrücken, die kriegt man auch so nicht, wie ich sie habe. Und ja, und jetzt hat er halt - immer, wenn ich gewachsen bin, immer neue Krücken hat machen müssen. War jetzt nicht gerade seine favorisierte Tätigkeit, aber für mich hat er es gemacht.
Mod: Aufgewachsen ist Karin Stöckler in Lochau am Bodensee. An ihre Schulzeit und gemeinsame Erlebnisse mit ihren Klassenkameradinnen und Kameraden, erinnert sie sich gerne zurück.
Stöckler: Wunderschön. Ich kann nur sagen, ich wurde niemals ausgeschlossen. Ich war wirklich mittendrin und auch beim Spielen schon als Kind. Ich bin Rollstuhl gefahren, ich bin Dreirad gefahren. Ich bin mit in den Wald. Ich war überall mit dabei. Und man hat mich einfach irgendwie mitgenommen. Egal ob man mich auf einen Traktor gesetzt hat oder im Kinderwagen. Keine Ahnung, ich war dabei. Aber ich war wirklich mit dabei, nicht als Last oder so, sondern wirklich ja voll inklusiv mit dabei und es war auch während meiner Schulzeit, die haben das alles so gemacht. Meine Mitschüler, da gab es noch keine persönliche Assistenz, haben wir nicht gebraucht, denn meine ganze Mitschüler waren meine Assistentent/innen und das hat wunderbar geklappt. Meine Eltern mussten unterschreiben, dass wenn etwas passiert durch meine Glasknochen, das natürlich die Schule nicht haftet. Das haben sie gemacht und es ist auch niemals etwas passiert. Und wenn in der Freizeit, aber nicht während der Schule und nicht während des Spielens. Knopp: Ich hab auch was gelesen von so Rennen mit dem Bürostuhl, was hat das damit auf sich?
Stöckler: Ja, das war in der Schulzeit. Die ganze Schulzeit durch hatte ich so einen Bürostuhl, wo ich in den Klassenzimmern oder in den verschiedenen, ja, Physik- und Musiksäle geschoben wurde. Und da haben dann meine Mitschüler mit mir halt dann noch Rennen gemacht durch die Gänge. Knopp: Und wer hat gewonnen? Stöckler: Ja, der, der mich geschoben hat. Knopp: Aber worauf führen Sie das zurück, dass das damals einfach so funktioniert hat, also war das der Einsatz auch von den Eltern, war das einfach eine Gemeinschaft in einem eher dörflicheren Bereich, wie hat das funktioniert? Karin Stöckler: Mit meinen Eltern, die sehr, sehr viel für mich getan haben und immer noch 100% hinter mir stehen, die mich gefördert haben. Und ich glaube auch mein Wille, mein Willen immer mit dabei zu sein. Ich bin auch sehr umtriebig, von Natur aus. Und vielleicht auch ein bisschen mein Charakter. Ich bin eigentlich, glaube ich, schon humorvoll, kann man sagen. Und ja, es war überhaupt nie ein Thema. Ich glaube, da ist einiges zusammengekommen.
Knopp: Was ich ja auch sehr spannend finde, ist, Sie haben gesagt, wie Sie aufgewachsen sind, hatten Sie auch wenig Kontakt zu anderen Menschen mit Behinderungen. Das kam dann erst später, ich glaube unter anderem durch eine Reise nach Spanien. Wieso?
Stöckler: Das kann ich nicht beantworten. Denn ich weiß nur, dass ich immer mit nicht-behinderten Menschen gespielt habe, aufgewachsen bin, auch in der Schulzeit. Und ich wollte nichts mit Menschen mit Behinderung zu tun haben. Also nicht, dass es nicht akzeptiert habe, aber irgendwie wollte ich da nicht dazugehören, weil ich stehe ja so mitten im Leben. Dann aber war es so, dass eben dieser ÖZIV, wo ich jetzt dabei bin, voll und ganz einen Jugend-Ausflug auf einer Partyschiff gemacht habe und da habe ich dann gedacht, da gehe ich mit. Das war schon so was. Und dann war noch so eine Busreise nach Spanien. Und da wollte ich unbedingt mitgehen und das war auch mit Menschen mit Behinderungen. Und so bin ich eigentlich so in diese Materie, Menschen mit Behinderungen, was ich ja selber sowieso bin, hineingerutscht und war natürlich auch so schon auf diesem Partyschiff Jugendbetreuerin und jetzt bin ich Präsidentin vom ÖZIV. Seit 2009, glaube ich, oder? Seit 2009 bin ich hauptamtlich Geschäftsfrau in der Präsidentin und seit ca. 1988 bin ich ehrenamtlich bei ÖZIV mit dabei.
Als es darum ging sich für einen Beruf zu entscheiden, blieb die Vorarlbergerin, die sich schon früh für Pflanzen begeistert, pragmatisch.
Stöckler: Naja, weil irgendwo Floristin mit Rollstuhl-Krücken, Blumen-Arrangements – schwierig halt. Das hat man nicht gar nie weiter gedacht. Das war einfach so, weil ich liebe Blumen. Und das war ziemlich gleich klar, dass ich Büro-Tätigkeit mache und hab darum die Handelsschule besucht und danach eben dann geschaut, kann man mich beschäftigen bzw. während der Handels-Schulzeit und beim Gemeindeamt beworben und die Stelle bekommen, ja. Heute wäre es vielleicht schon, dass ich auch so selbstbestimmt, wie ich jetzt bin, hätte ich mir vielleicht überlegt, jetzt doch Juristin zu werden, ja. (Lacht.) Knopp: Was sind die Lieblingsblumen? Rosen, rote Rosen. Knopp: Der Klassiker. Und als zweite Lieblingsblume? Stöckler: Gänseblümchen.
Als Karin Stöckler 1985 beim Gemeindeamt begann, war vieles nicht barrierefrei. Die Stufen am Hintereingang konnte sie mit Krücken bewältigen. Später wurde eine Rampe über die Stufen befestigt über die Karin mit dem elektrischen Rollstuhl fahren konnte. In den 20 Jahren im Gemeindeamt hat sie verschiedenes gemacht: Sie war im Meldeamt tätig, hat im Tourismusbüro gearbeitet und war zuletzt am Bürgerservice-Schalter.
Stöckler: Und ein Erlebnis war für mich wo ganz prägend, da kam jemand zu mir an den Schalter und sagte, ja ist da niemand da? Und ich, ja, ich bin da. Also dieses Übersehen werden, dieses nicht zugetraut werden. Dass man eigentlich als Menschen Behinderung 120 Prozent gibt und versucht zu geben, einfach um es beweisen zu können, dass man es genauso gut kann wie Menschen.
Karin Stöckler spricht an, dass das Potenzial von Frauen oft nicht gesehen oder schlichtweg übersehen wird. Manches habe sich zwar gebessert, aber es gäbe viel zu tun.
Stöckler: Man sieht es auch schon, dass viel mehr Menschen mit Behinderungen überall tätig sind. Dass es auch Frauen in Führungsräumen - immer noch zu wenig - gibt, aber dass es schon etwas tut mit der Beschäftigung von Frauen mit Behinderungen. Aber wir sehen nun diese ganze Sparpolitik, die muss ich jetzt leider auch ansprechen. Und da sind Menschen mit Behinderungen speziell betroffen. Diese Arbeitslosigkeitszahlen geben einem zu denken. Ja, ich denke, ja warum schon wieder Menschen mit Behinderungen? Man wird so gerne dieses Schubladisiert, diese Defizite beschränkt. Nein, wir werden ja eigentlich behindert. Wenn man Menschen mit Behinderungen und Frauen mit Behinderungen auch die Chance gibt, ja vielleicht durch Hilfsmittel, Umbau, was auch immer, diese Tätigkeit auszuüben, Assistenz, großes Thema. Dann stehen wir genauso mitten im Leben und im Beruf und können das meist.
Knopp: Und auch sich ein bisschen vielleicht auch mal was zu überlegen, weil es gibt ja auch immer wieder diese Überlegungen, ob man nicht an den Arbeitszeiten schraubt. Weil für manche Menschen einfach die Vollzeitarbeit auch nicht möglich ist. Aber das Leben mit der Teilzeitarbeit ist oft nicht finanzierbar. Also wünschen Sie sich da auch andere Bezahlungsmodelle?
Stöckler: Ja, auf jeden Fall, weil wie Sie es ansprechen, man hat einfach aufgrund dieser Behinderungen, ich sehe es selbst wieder, ich kann nicht mehr morgen um 8 Uhr im Büro sein, eben wegen persönlicher Assistenz und gesundheitlichen Einschränkungen und damit es einfach dann mehr Fördermöglichkeiten geben, dass man auch wenn man nicht 100 Prozent arbeiten kann, dass man aber doch eine Unterstützung bekommt, finanzieller Art, ja, es soll ja nicht bestraft werden, dass man diese Leistung einfach nicht bringen kann aufgrund der gesundheitlichen Einschränkungen.
Seit 2009 ist Karin Stöckler Präsident des ÖZIV-Vorarlberg. Beim Wechsel vom Gemeindeamt in die Interessensvertretung half ihr der Rat einer Freundin. Sie sagte ihr:
Karin: Karin, es gibt ganz wenige Menschen in der Welt, die ihr Hobby zum Beruf machen können. Da hat es bei mir Klick gemacht. Und war eigentlich alles klar und ich bin dann zu meinem damaligen Chef, zum Bürgermeister und sagte. Es tut mir leid, aber ich werde gehen, ja. Knopp: Und was ist das Tolle am Job als Präsidentin vom ÖZIV? Was machen Sie? Was sind so Schwerpunktthemen, die Ihnen wichtig sind? Stöckler: Ich finde es ganz wichtig, ein großes Thema über diese Barrierefreiheit, diese Barrieren in den Köpfen der Menschen, sensibilisieren, aufzuzeigen, Sprachrohr für Menschen mit Behinderungen zu sein, jetzt gerade auch persönliche Assistenz, wo ich natürlich selber betroffen bin, auch da immer wieder die Stimme zu erheben, versuchen, dass es Verbesserungen noch gibt. Wir haben ja großen Hilfsmittelverleih bei uns im Büro, einfach um Menschen wieder mobil zu machen, mit kostengünstigen Preisen. Es ist ganz, ganz vielfältig, es kommt immer was anderes. Beratungen, Informationen, auch Arbeitgeber für Menschen mit Behinderungen zu sein, für Mitglieder da zu sein. Oftmals Kummer-Nummer zu sein.
Im Jahr 2024 ist Karin Stöckler schwer gestürzt. Es folgte eine Reha und ein Training für ein Leben ohne Krücken, aber mit Rollstuhl. Wer Karin Stöckler kennt, weiß, dass sie gerne viel unterwegs ist und verreist. Das war nach dem Unfall erstmal nicht möglich.
Stöckler: Ich habe ja durch diese Fraktur eben leider letztes Jahr 6 Monate im Pflegeheim leben müssen und da bin ich so von 100% auf 0%. Es war, obwohl alle sehr nett zu mir waren, muss ich immer betonen, ganz eine einschneidende Zeit für mich, die mich psychisch, da war ich nicht mehr so humorvoll, weil das war wirklich kurz so eine Depression, wenn ich auch noch länger geblieben wäre. Und jetzt habe ich so ein Gefühl, jetzt will ich nur noch leben und erleben und nehme alles mit, was sich mir bietet, weil ich habe jetzt einfach gesehen, wie schnell es anders sein kann. Ja, es selbst bestimmt das wieder zu. Knopp: Das Selbstbestimmte war weg. Stöckler: Ja, genau. Und jetzt bin ich da mitten im Leben und ich genieße es sehr.
Neben persönlicher Assistenz im Job kam für die Vorarlbergerin auch persönliche Assistenz im Freizeitbereich dazu. Das ist alles gar nicht so leicht zu organisieren, zumal persönliche Assistenz im Arbeitsbereich bundesweit einheitlich geregelt, aber im Freizeitbereich Ländersache ist. Der Alltag hat sich für Karin Stöckler stark verändert.
Stöckler: Und wiederum durch diesen Bruch kam jetzt auch persönliche Assistenz im Freizeitbereich dazu und zwar sehr maßgeblich, dass ich jetzt einfach auch alleine schon für Körperpflege anziehe und so weiter Assistenz benötige. Und das ist für mich schon eine sehr große Herausforderung, dass dein Leben so getaktet ist, du musst alles planen und organisieren, musst dich auf Menschen einlassen. Du bist abhängig, geht dann auch um Verlässlichkeit, wenn jemand absagt am Morgen, dann musst du schauen, wie du das organisierst. Also du kannst dann nicht nur noch sagen, jetzt mach ich dieses und jenes oder mit der Fahrt jetzt hier nach Wien, das muss total organisiert werden, da gibt es jetzt zwei Assistenten, die haben ihre Dienstzeiten, Ich muss auf Arbeitszeiten und Regelungen schauen, Uhrzeiten… Also es ist sehr kompliziert, man kann nicht spontan mehr leben.
Karin Stöckler wünscht sich eine bundesweit einheitliche Regelung für persönliche Assistenz. Außerdem sagt sie darf in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht an Beratungsangeboten für Frauen mit Behinderung, gespart werden.
Stöckler: Beratungsangebote ganz sicher, weil wenn ich jetzt Sparbudgets sehe, wo noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht ist und Projekte eingestellt werden, Beratungsangebote gestrichen werden oder es werden nicht so viele Ressourcen mehr freigegeben, aber diese Beratungsleistungen müssen trotzdem gewährt werden und eigentlich noch viel mehr und Unterstützungsangeboten, dass man auch begleitet wird, dass man sich traut. Dass man unterstützt wird, dass auch diese Unternehmen sensibilisiert werden, dass vielleicht diese Angst, oder jetzt stelle ich in Menschen Behinderung ein und wenn da was ist, ja ich spreche jetzt einfach an, diese wieder zu kündigen oder so. Ich denke da müssen wir einfach gegen diese, ja einfach diese Beratungsleistung oder auch vielleicht, dass man einfach das schmackhaft macht und zeigt, dass es funktioniert, dass es eine Win-Win-Situation ist für beide, ein Umdenken in den Köpfen, dass das stattfindet. Aber wie gesagt, ich befürchte, dass wir wieder Rückschritte haben werden, bzw. Ich sehe es jetzt schon, dass Rückschritte machen, statt Fortschritte.
Knopp: Was sind die Rückschritte, die Sie befürchten, also Abbau von Ressourcen, haben wir gesagt, Abbau vielleicht von Beratungsangeboten, ist es das, was Sie meinen?
Stöckler: Ja genau, und der finanzielle Background, dass man das einfach auch finanziert, dass es eben einfach vielleicht noch finanziell attraktiver wird für Unternehmen, Menschen mit Behinderungen anzustellen, die Unterstützungsleistungen, Fahrtendienste, was auch immer, dass es einfach nicht so kompliziert und bürokratisch ist.
Knopp: Jetzt bin ich bei der Recherche noch auf etwas gestoßen, da habe ich mir gedacht, da muss ich nachfragen. Sie sind ja auch bei diesem Ritterorden, des heiligen Konstantinus Großen und der heilige Helena. Was hat es da mit auf sich? Wie sind Sie da in Kontakt gekommen und wie darf man Sie dann ansprechen?
Stöckler: Ja, also das ist so, dass unser Vereinspfarrer, der leider letztes Jahr im März verstorben ist, überraschend, der ist bei diesem Orden, war bei diesem Orden und hat zu mir gesagt, Karin, ich würde dich gerne nominieren, und ich soll meine Biografie schicken und ja, dann kam dann im Mai 2023, na, es kam die Einladung, dass ich im Mai 2023 in Prag, ich eben in diesen Ritterorden aufgenommen werde und ich bin mit meinen zwei Nichten nach Prag gefahren. Und es war eigentlich der schönste Tag in meinem Leben. Da sage ich jetzt, das war sowas von feierlich, das kann man ja, das muss man erlebt haben. Das macht mich sehr, sehr stolz, dass ich dabei sein darf bei diesem Orden. Ich habe dann letztes Jahr noch den Ihren Doktortitel verdient bekommen. Und ansprechen dürfen Sie mich mit Karin, aber eigentlich ist es Dame. Also zu den Männern sagt man Ritter und ich bin eine Dame.
Knopp: Fühlen Sie sich als Vermittlerin, als Mutmacherin, als Kämpferin? Wie würden Sie sich selber beschreiben? Das würde mich interessieren.
Stöckler: Ja, als Kämpferin, einfach für ein Leben mit Behinderung. Vielleicht, ich höre es jetzt einfach immer wirklich, dass ich eine Vorbildfunktion habe für viele Menschen. Und ich habe immer so gesagt, wo ein Wille da ein Weg. Das ist so mein Lebensmotto. Oder Hinfallen, aufstehen und Krönchen richten und weitergehen.
Knopp :Und wenn Sie heute der jungen Karin einen Rat mitgeben könnten, also der 15-, 16-jährigen, was wäre das? Stöckler: Mach's genauso wieder! Knopp: Danke vielmals! Stöckler: Gerne! Vielen Dank für das Interview!
Zum Gespräch getroffen haben Karin Stöckler und ich uns im Rahmen der Zero Conference Mitte Februar in der Uno City in Wien. Einige Tage danach habe ich erfahren, dass Karin Stöckler für ihr Engagement für Inklusion und Diversität mit dem Bregenzer Frauenpreis ausgezeichnet wurde. Benannt ist der Preis nach Agathe Fessler, die 1905 in Bregenz ein Asyl für stellenlose junge Frauen eingerichtet hat, das marienheim. Fessler gilt als Begründerin der modernen Sozialarbeit in Vorarlberg.
Das war Teil1 einer vierteiligen Serie mit dem Titel „Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und Sichtbarkeit“ – über berufliche Wege von Frauen mit Behinderungen. In den nächsten Tagen hören Sie weitere Porträts, darin geht es um die Arbeit mit einer chronischen Erkrankung, um das Studieren mit Behinderung und wie für junge Frauen der Übergang von Schule und Beruf gelingen kann. Vielen Dank fürs Zuhören! Das war „dabei sein im Arbeitsleben – Chancen für alle“ Den Podcast gibt es auf allen gängigen Podcastplattformen zu hören. Wenn Ihnen berufliche Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung wichtig ist, dann teilen Sie bitte diese Podcastfolge – mit ihren Familien, mit Freund:innen, mit Kolleg:innen und allen, denen Inklusion am Herzen liegt. Abonnieren Sie den Podcast, damit Sie keine Folge verpassen. Mehr über die Forderungen von dabei-austria an die Arbeitsmarktpolitik lesen Sie unter dabei-austria.at Auf Wiederhören und bis zum nächsten Mal, sagt Sandra Knopp.